News aus Madagaskar

 

Manahoana tompoko – Guten Tag!

Herzlich willkommen on Board unserer Reise nach Madagaskar, wir starten unseren Einsatz 2018. Mit auf dem Programm steht der Bau einer grossen Permakultur-Anlage rund um eine Schule in der Nähe der Hauptstadt Antananarivo, ein Ausbildungsprogramm für über 10 neuer Studenten, mit welchen wir durch das Land reisen und in unseren drei Zielgebieten Permakultur-Anlagen bauen und bepflanzen. Nachdem wir an der Schule fertig geworden sind, werden wir in der Nähe des Urwaldes arbeiten und zuletzt dann in den Süden fahren, wo wir ein recht herausforderndes Klima vorfinden.

Wir sind zum ersten mal in der Trockenzeit hier und dürfen lernen, wie wir unsere Anlagen an diese Jahreszeit anpassen. Für unsere jungen Fruchtbäume haben wir Solar-Pumpen im Gepäck. Ansonsten hoffen wir, dass wir mit Mulch und Steinen die Feuchtigkeit in den Pflanzungen halten und sammeln können. Nun aber Ahoi, viel Spass beim lesen, in den nächsten 8 Wochen könnt ihr uns hier auf unserer Reise begleiten.

Liebe Grüsse von der Crew, wir hoffen Sie fühlen sich wohl an Board!

 

Herausforderungen und steter Wandel.

Montag, 28. Mai 2018

Am 22. Mai bin ich mit einem Volunteer aus Deutschland in Antananarivo gelandet. Gleich am nächsten Tag haben wir uns aufgemacht, die Projekte zu besuchen. Die grosse Schule TENAQUIP von unserem Partner madagascarschoolproject.org war inspirierend. Das Gärtnerteam ist motiviert, die bereits erstellte Anlage wächst an, alle Hänge sind gemulcht und viele Fruchtbäume wachsen an.

Die Bewirtschaftung der Terrassen haben sie nach ihren gewohnten Techniken gemacht, und auch nicht gemulcht. Hier werden wir gemeinsam an neuen Techniken arbeiten. Da wir in der Trockenzeit sind, liegen die Terrassen brach. Nächste Woche beginnen wir mit dem nächsten Bau-Abschnitt und der Pflege der vorhandenen Anlage. Wir werden bis zu 150 Menschen sein, welche gemeinsam ein kleines Paradies um die Schule herum zaubern.

Nach unserem Besuch in der Schule sind wir nach Menalamba rausgefahren. Dort war es sehr ernüchternd. Da es eine Zeit braucht, bis die neuen Methoden voll tragen, haben wir die Bauern versucht mit Geld zu unterstützen, um Ernteausfälle zu kompensieren, und auch, um sie zu motivieren. Das hat mässig funktioniert. Dann, etwa ab Januar diesen Jahres, hat Rivo, unser lokaler Projekt-Verantwortlicher, das Geld in seine eigene Tasche gesteckt, aber weiterhin gute Berichte verfasst. „Alles läuft gut“ – so seine stete Nachricht. Den Bauern hat er gesagt, dass wir nicht wieder kommen und das Projekt zu Ende sei. Daraufhin haben die Bauern alle die Arbeit nieder gelegt und sind zu der klassischen Arbeitsweise zurück gekehrt. Die Terrassen sind da, der Teich sieht wunderschön aus. Die Bananen, der Zuckerrohr und die Ananas Wachsen. Dazwischen Wildpflanzen, „Unkraut“.

„Cimetière des projet – Friedhof der Projekte“ nennt man die Gegend auch, es sind schon dutzende gescheitert hier draussen. Ich möchte ehrlich mit euch sein, und euch auch die Misserfolge mitteilen. Auch wenn es „Werbetechnisch“ ungeschickt ist. Es ist nicht einfach, hier etwas zu tun. Scheitern ist ist leider Teil der Arbeit. In dieser Zielregion sind bisher ALLE Projekte gescheitert, ähnliches gilt fürs ganze Land. Selbst das „geschützte Hochmoor“ von mehr als 1000ha Grösse, welches dem internationalen RAMSAR Schutzabkommen unterliegt, wurde bereits zu 80% zerstört. Ich erlebe es live mit.

Helfen zu wollen, wenn man nicht gefragt wurde, ist unmöglich und grenzt an Arroganz. So hatte ich das Wort „manampy – helfen“ auch möglichst vermieden. Eigentlich fühle ich mich mehr wie ein Kind, das viele Bonbons bekommen hat, und es mit seinem Nachbarkind teilen möchte, das nicht so viele bekommen hat. Oder wie ein globaler Bürger, welcher den Madegassen ein Geschäft vorschlägt. Sie hören auf den Urwald abzubrennen, wir geben Ihnen dafür eine neue, einfachere Anbautechnik, und so haben beide was davon. Es hat mich von Anfang an beschäftigt, wie ich auf die Menschen zugehe. Lebe mit ihnen, spreche ihre Sprache, esse das einfache Essen im Busch, dusche mit einem Eimer. Meine Strohmatraze bringt mich durch die Nacht.

Bisher ist es mir aber nicht gelungen, den Menschen die Vision, die Idee zu vermitteln. Es liegt wohl auch daran, dass die Menschen solch eine andere Geisteswelt haben, das wir uns Gegenseitig quasi nicht verstehen (über die einfachen alltäglichen Dinge hinaus). Wissen, Weltanschauung, Begriffsbildung, Philosophie, Moral. Alles komplett anders.

Ich bin Niedergeschlagen und würde am liebsten das Handtuch werfen. Nach Hause fahren. Mich in eine Ecke verkrümmeln und nichts mehr von der Welt sehen wollen. Ich fühle mich schuldig und werfe mir vor, warum ich es nicht anders angegangen bin – vor allem aber, dass ich unserem jungen Rivo soviel Geld und Verantwortung zugemutet habe. Ich hätte es wissen müssen… es tut mir wirklich Leid um ihn. Auch wenn er es natürlich selbst in der Hand hatte, trage ich einen grossen Teil der Verantwortung. Sein Leben hat er fürs erste zerstört.

Ein kleiner Trost, 15 Kilometer entfernt, ist die Anlage von Monique. Dort haben wir letztes Jahr eine Anlage errichtet. Monique ist bereits seit Jahren engagiert und arbeitet mit progressiven Methoden. Sie hat die Arbeit fortgeführt, obwohl seit unserer Abreise keine Hilfszahlungen flossen. Sie hat sogar Arbeiter bezahlt, um weitere Terrassen zu bauen. Einen davon werden wir in den nächsten 8 Wochen ausbilden.

Sahamamy: Oberhalb des Hauses entwickelt sich ein neuer Naturwald, um das Haus die Terrassen. So könnten wir den Urwald effektiv vor der totalen Ausrottung schützen. Technisch haben wir proof of concept. Menschlich, politisch und kulturell liegt noch ein Weg vor uns.

In den Süden sind wir nicht gekommen, die Reise wäre zu lang gewesen. Von dort werden wir euch in ca. einem Monat berichten.

Bis dahin wird für Menalamba folgendes gelten. Unser Verantwortlicher wird sicher von seiner Position entfernt. Welche Konsequenzen es noch geben kann, werden wir ermitteln, auch, ob wir etwas zurück verlangen können (z.B. auf Druck einer Versammlung der Bauern).

Wie es sonst weiter geht, müssen wir noch sondieren. Die Zahlungen sind für den Moment alle eingestellt, da die Bauern ja auch von selbst kein Engagement gezeigt haben. Wir haben den Bauern die Situation erklärt und werden uns nach dem Bau der Schul-Anlage Tenaquip um die Situation kümmern. Eines ist sicher: Rational und Abstrakt können wir die Vision der neuen Landwirtschaft nicht vermitteln. Eine gut ausgebildete Fachperson haben wir (noch) nicht für die Region, welche die Sache verantwortungsvoll tragen könnte. Ich kann dies auch nicht leisten.

Am Wochenende kommen zwei weitere Volunteers, welche in der Schule helfen werden. Gemeinsam werden wir reflektieren, wie die Arbeit weiter gehen kann.

Gerne nehmen wir auch Feedback und Ideen von euch entgegen.

info@permapartner.org oder info@tany.ch

Es tut mir Leid, euch schlechte Nachrichten zu übermitteln, und hoffe auf euer Verständnis für die Situation.

Der Tanz beginnt

Sonntag, 3. Juni 2018

Heute morgen um Sechs klopft es an meine Tür. „Misy mitady – du wirst gesucht!“ Verschlafen steige ich in meine Hose und laufe zur Rezeption unseres Hotels, mittlerweile bin ich wieder zurück in der Hauptstadt Antananarivo. An der Rezeption sitzen sechs Madegassen. Ich erkenne Jean Noel und Hugh, sie sind Bauern aus dem Süden, Betsileo, anständige und fleissige Menschen. Ich vermisse Zima. Er musste zuhause bleiben, weil er auf die Kühe seines Onkels aufpassen muss. Zima ist Knecht von Danielle, und ich würde ihm ehrlich gesagt gerne ein paar Möglichkeiten geben. Er war immer sehr interessiert und möchte gerne studieren. Mal sehen, ob wir ihn später dazu holen können.

Eindruck vom alten Schulhof

Ich verstehe also in meinem verschlafenen Zustand, dass unsere Betsileo-Jungs da sind. Aber warum sind es sechs Leute? Sie sollten zu fünft sein. Ich frage nach den Namen jedes einzelnen, es ist ein alter Opa dabei, und… ein Junge, der gehörlos ist…

So langsam wache ich auf. Sie sind die zwei Studenten, welche uns Priori gesendet hat (madagaskarhaus.ch). Sarah, die Lehrerin aus der Schweiz, hat mir gestern Abend noch beigebracht, wie man „wie geht’s?“ in Gebärdensprache sagt – es funktioniert prima und Arsen schaut mich happy an. Er gestikuliert nun wild umher und glaubt, ich würde ihn verstehen. Ein Stift und Papier hilft uns weiter. So also kann ein Morgen in Madagaskar sein. Alle freuen wir uns, uns zu sehen, ich zeige allen ihre Hotelzimmer.

Die Betsileo Jungs wohnen im Werkzeugzimmer. Die ganze Woche schon haben wir Material und Werkzeuge bestellt, welches gestern Nachmittag in das Hotel geliefert wurde. 20 Schubkarren, 30 Schaufeln, 60 Madegassische Spaten, 120 Holzstiele, Rechen, Gabeln, Sicheln.

Den Studenten gebe ich etwas Taschengeld. Den Sonntag haben wir frei, sie können die Hauptstadt erkunden. Ich nutze die Zeit, um letzte Vorbereitungen zu treffen und mich nochmals ein bisschen auszuruhen. Am Abend gehen wir in ein tolles madegassisches Restaurant, welches wir ganz für uns haben. Die letzten 5 Studenten kommen hinzu, sie bekommen das Stipendium von der Stiftung Scintillae in der Schweiz. Ein kleines Dankeschön auch in diese Richtung.

So ist unser Team komplett. Elf Madegassen und vier Europäer/innen werden nun drei Wochen gemeinsam leben, arbeiten, essen, lachen und schwitzen!

TENAQUIP

Montag, 4.6.2018

Wir kommen gegen 10:00 in unserem gemieteten Kleinbus an der Schule an. Sogleich beginnen wir uns zu organisieren. Die Räume werden zugeteilt, wir richten uns ein und als der Jeep mit dem Werkzeug ankommt beginnen wir, die Werkzeuge vorzubereiten. Die Schubkarren müssen zusammen geschraubt werden, die Schaufeln brauchen ihre Stiele. Wir beginnen mit der Planung der Anlage und schnell entsteht ein Grundkonzept, welches wir morgen beginnen können umzusetzen.

Teambesprechung

Durch den Tag begleitet uns eine Photografin, welche für ein deutsches Magazin Aufnahmen macht. Sie ist anderweitig in Madagaskar und findet so die Zeit, unser Projekt aufzunehmen. Es freut uns, auf Interesse zu stoßen.

Dann gibt es ein reichhaltiges Essen und wir gehen früh Schlafen.

Dienstag, 5.6.2018

Zehn vor sieben stehen wir bereits im Garten und richten die Werkzeuge. Die ersten Eltern kommen. Jeden Tag werden es um die 80 sein. Sie kommen um zu helfen, als kleiner Beitrag dafür, dass ihre Kinder in die Schule gehen können. Im Gesamten bekommen wir so über 1000 Arbeitstage zusammen. Wir arbeiten am Morgen fünf Stunden und am Nachmittag nochmal knapp zwei. Dann nutze ich die Gelegenheit, den Eltern ein bisschen von den Hintergründen unserer Arbeit mitzugeben. Wie das ist mit den Wassersystemen, mit den ökologischen Kreisläufen und mit der guten Erde funktioniert.

Die Menschen haben hier in den letzten Jahrhunderten die Erde und die ökologischen Systeme auf einen lebensbedrohlich niedrigen Stand degradiert. Und so ist es nicht nur ein Herzensprojekt für die Kinder, sondern kann die Lebenssituation der Menschen hier deutlich verbessern. Zusätzlich zu den 80 Eltern kommen 50 potentielle Studenten. Junge Frauen und Männer zwischen 18 und 26 Jahren, aus welchen wir später die besten aussuchen werden. Eigentlich hatte ich nach 25 gefragt, nun kommen 50. Jean-Noel wird sie anleiten, sie bekommen die West-Ecke der Schule und bauen dort die ersten Terrassen und Swales. Swales, das sind Wassersickergräben, in welchen sich das Wasser sammelt und dann einsickern kann, dass von oberhalb des Hanges zu uns fliesst.

Im Hintergrung die abgeholzten, erodierten und trockenen Hänge. Das Nachbardorf mit seinen kargen Feldern drum herum. Im Vordergrund unser erster Swale und ein Trupp beim Bau von Terrassen.

Wir dimensionieren die Gräben so gross als möglich, um so viel Wasser wie möglich davon abzuhalten, direkt in die Flüsse abzufliessen. Wir wollen es festhalten, dass es langsam durch die Erde dringt und dann Quellen bildet. Diese Funktion übernimmt normalerweise der Wald mit seinem weichen Boden. In einer Situation der Degradation ist aber der Boden hart und sind die Gräben eine Möglichkeit – quasie eine Art erste Hilfe fürs Ökosystem – um die Bodenfeuchte und den hydrologischen Haushalt wieder herzustellen. Wasser ist der wichtigste Dünger und muss unbedingt gehalten und in den Boden gebracht werden. Öberflächenabfluss (welcher oft zu Erosion führt) sollte um alle Umstände vermieden werden, weil er sich negativ auf den Wasserhaushalt auswirkt und damit das Land austrocknet. Das gilt nicht nur für Madagaskar, sondern für die ganze Welt. Es gibt Berechnunen, dass der globale Wasserhaushalt noch vor 2025 zusammenbrechen kann. (-> mit dem Resultat eines spürbaren Klimawandels -> www.rainforclimate.org).

Mittwoch 6.6.2018

Hugh, unser stärkster Mann bekommt 50 Leute an seine Seite, welche wir zusätzlich einstellen. Es hat ein bisschen den Charakter einer kleinen Legion, nur, dass wir nicht zum töten aus sind, sondern um Leben zu ermöglichen. So arbeiten wir mit bis zu 180 Menschen gleichzeitig. Die Nordostecke gehört Hugh und seinem Trupp, dann folgen Naima mit 20 Leuten, welche einen grossen Schwimmteich für die Kinder bauen. Berthin übernimmt die Leitung von 15 Leuten, ein etwas kleinerer Teich unterhalb. Zusammen fassen sie über 500m³ Wasser, also eine halbe Million Liter, welches gleich wie in den Swales in die Erde einsickern kann. Die Teiche werden regelmässig trocken fallen, doch wenn die Landschaft einmal geheilt ist bleiben sie als Grundwasserteiche erhalten. Alles in allem werden wir bei jedem Regenfall mehr als eine Million Liter Wasser festhalten, Jährlich summiert sich das auf mehr als 40 Millionen Liter Wasser.

Lidia kommt aus dem Norden von Madagaskar, vier Studenten kommen aus der Gegend. Sie ist die einzige Frau im Kernteam, abgesehen von Sarah, und ich möchte sie von den harten Arbeiten fernhalten. Sie beginnt mit den Müttern den vorhandenen alten Garten der Schule auf die neuen Techniken anzupassen. Wir belassen es bei einem relativ kleinen Eingriff. Wir verdoppeln die kleinen Terrasse, in dem wir jeweils aus zwei Terrasen eine machen. Jede Terrasse erhält vertiefte Wege, welche sich mit Wasser füllen können. Regnet es, füllen sich die Wege. Ist eine Terrasse voll, überläuft sie in die nächste, Stufe für Stufe. So saugt sich der Garten bei Starkregen voll und das Wasser ist nicht verloren. Momentan ist Trockenzeit, die Erde staubig. Und es ist natürlich sehr abstrakt von Wasser zu sprechen. Wenn es dann regnet, wird es offensichtlich.

Lidia macht ihren Job sehr gut, die Mütter sind motiviert dabei und ich nutze die Gelegenheit, Ihnen den Zusammenhang von Biomasse, Regenwürmern und guter Erde zu erklären. Ich erkläre Ihnen, wie sie in Zukunft die harte Feldarbeit vermeiden können und ohne Bodenbearbeitung ihre Ernten einfahren können. Es macht grossen Spass, Menschen Wissen weiter zu geben, welches das Potential hat, ihr Leben positiv zu verändern.

Die Arbeiten gehen gut voran und am Abend unseres zweiten Arbeitstages sieht man schon ein gutes Ergebnis. Ich sehe auch, dass ich so langsam mit dem Schulhof beginnen muss. Ich arbeite mich von den Aussenbereichen langsam an das eigentliche Design heran. Die grösste Aufgabe steht noch bevor…

Donnerstag, 7.6.2018

Der Schulhof ist relativ gross, ein erodiertes Stück Land. Ein bisschen Öde ist es, trostlos fast. Kaum Schatten, keine Geborgenheit. Schön ist es nicht. Die Häuser sind relativ schöne, grosse Backsteinhäuser. Sie haben Gitter vor den Fenstern wie ein Gefängniss, aber das muss leider sein, dass niemand einbricht. Sonst sind es nette Häuser mit hübschen Balkonen. Der Schulhof wurde nie so recht gestaltet. Es gibt hier und da schöne Ecken, im gesamten aber wünsche ich mir seit meinem ersten Besuch hier vor drei Jahren, dass der Schulhof schön wird. Nun ist die Zeit gekommen. Mein Wunsch erfüllt sich nun, diesen fast 700 Kindern eine Schöne Umgebung bauen zu dürfen.

Teichbau

Seit drei Jahren bewegt mich der Platz. Ich überlege mir, wie eine Gestaltung auf die Kinder wirken kann. Was die Bedürfnisse der Kinder sind und wie wir diese am besten erfüllen können. Die kleinen suchen Schutz und Geborgenheit, die etwas grösseren das Abenteuer im näheren Umfeld. Die älteren wollen für sich sein, unter anderem um sich selbst zu entdecken und ihre eigene Identität zu entwickeln. Natürlich auch, um mal heimlich etwas verbotenes zu tun und Grenzen zu überspringen. Man kann diese Verhaltensweisen auf dem vorhanden Schulhof entdecken, und für diese Bedürfnisse möchte ich gerne Räume schaffen. Räume wirken. Jede kann dies bei sich selbst feststellen, wenn sie sich in einem Park befindet, in einem Einkaufszentrum, auf einem Markt oder auf einer lärmenden Strasse. Die Umgebung beeinflusst die eigene Stimmung, das Wohlbefinden, ja sogar den Geist und die Gedanken. Dieser Effekt kann genutzt werden, um Menschen zu beeinflussen. Im negativen wie im positiven.

Die Umgebung der Kinder ist im gesamten sehr herausfordernd. Sie wachsen in Armut auf und oft genug erleben sie eine angespannte Situation im Elternhaus. Nicht wenige sind Waisenkinder und es fehlt an dem Allernötigsten. Ich denke viele der Kinder haben einen schweren Kopf in der Schule und ihre Gedanken mögen oftmals bei der schweren Feldarbeit sein, bei dem Streit der Eltern am Abend vorher oder bei sonstigen Alltagsproblemen. Zum lernen aber sollten junge Menschen sich wohl fühlen und den Kopf frei haben. Das wird u.a. von Marslov und anderen schon lange klar dargelegt. Und so ist eines der Designziele, den Kindern eine schöne Umgebung zu schaffen. Einen Ort, in welchen Sie eintreten und die harte Umgebung und den Alltagskampf hinter sich lassen. Im Allgemeinen sind die Madegassen ein sehr gemütliches, sehr freundliches und friedliches Volk. Tolle Menschen. Und doch sollte all das nicht über die Situation hinweg täuschen, in welcher wir uns hier befinden. Und sei es nur, dass quasi jeglicher Zahnschmerz ausgehalten werden muss, bis er jeweils zu-Ende ist (inkl. dem Zahn).

Die jungen Menschen sollen also einen Ort betreten, welcher anders ist. Eine andere Welt, in welcher Sie neues entdecken können, Ihrer Neugierde folgen können und ihren Geist entfalten. Einen Ort der grün ist, üppig, kühl und angenehm. Ein Ort, an welchem tausende Fruchtbäume stehen und es mehr als nur genug zu Essen gibt. Einen Ort, an dem Heilpflanzen wachsen, und so der Garten eine Apotheke ist. Es soll eine grüne Oase sein, ein kleines Paradies, in welchem die Jungen Menschen sich ein neues Madagaskar erträumen können. Eine Vision, eine Perspektive, wie es auch aussehen kann. Dass harte Feldarbeit und magere Ernten nur eine Option sind.

Koko und Arsen, der Taubstumme, mit Schülern.

Es soll auch ein handfester Produktionsbetrieb sein. Um die Schule herum wird der bisherige Garten zu einem grossen, professionellen Produktionsbetrieb, welcher Essen für die Kantine und für den Verkauf produziert. Einerseits um das Budget zu entlasten und andererseits die Schule mit-zu finanzieren. Wenn wir dieses Ziel erreichen, und das liegt durchaus im Bereich des möglichen, dann gibt es noch eine weitere, sehr schöne Perspektive. Ein Teil der Schulabgänger kann dann hier eine Ausbildung machen und selbst lernen, wie in der hiesigen Umwelt erfolgreich Fülle und Wohlstand kreiert werden kann. Schon zur Schulzeit können die Kinder die Gärten bewirtschaften und so genug lernen, sich Zuhause selbst zu versorgen. In der Ausbildung können sie Ihr Wissen vertiefen und vor allem auch das Anlegen der Wassersysteme, Terrassen etc. lernen. Für viele Schulen in Madagaskar, und auch hier, ist das Follow Up eine grosse Frage, also die beruflicher Perspektive. Die grosse Stadt verlockt natürlich sehr, während hier draussen nicht viele Möglichkeiten vorhanden sind. So sind die grossen Städte bereits heute überflutet, chaotisch und die Infrastrukturen weit über ihre Grenzen überlastet. Eine anständige Arbeit findet sich eher selten, und so halten sie die Menschen mit schlechten Jobs und auch mit betteln über Wasser. Der Weg zurück aufs Land ist aber auch oftmals verbaut, da sie nicht mehr die Fähigkeiten besitzen, das Land verkauft wurde oder an jemanden anderen in der Familie ging.

Schaffen wir es, hier eine produktive Landschaft zu erstellen, mitten in der Erodierten, degradierten Landschaft, kann neues Leben erblühen, die Menschen können Mut schöpfen und evtl. reicht es dann auch irgendwann für den Zahnarzt und ein paar neue Turnschuhe. (Ein Beispiel hierfür befindet sich in China -> Lessons from the Löesplateau)

Mit relativ kleinen Gruppen beginne ich Details und Ecken zu gestalten. Da es nicht ganz so einfache Formen sind, und viele Stellen, versuche ich es so aufzuteilen, dass wenige eine Weile dranbleiben. Ich versuche sie in den Gestaltungsprozess mit einzubeziehen. Es gelingt ganz gut, und so wird es auch ein bisschen zu ihrem eigenen Projekt.  Sie handeln aus eigener Motivation, was sich sichtbar auf das Arbeitsergebnis auswirkt. Stufen und Treppen, in schwungvollen organischen Formen, sind das hauptsächliche Design-Element. Auf Stufen und Treppen sitzen Menschen gerne, es entstehen soziale Treffpunkte, Grenzen und darin Räume. Der Eingangbereich soll Einladen, Weite bieten und Erhabenheit. Kleine Plätze welche Schutz und Geborgenheit bieten wechseln sich ab mit grossen freien Räumen, in welchen sich die Menschen sehen und gesehen werden. Platz für Spiele, für Basketball und Fussball entstehen. Die Kleinen sind in der Nähe der Küche angesiedelt, wo stets das Küchenteam und der Wächter anwesend sind. Das gibt Schutz und Geborgenheit. Diesen Raum zu halten wird nicht ganz einfach, weil gleichzeitig eine Menge Logistik hier stattfindet und die Kinder für die Kantine anstehen. Die Jüngsten sind nicht älter als vier Jahre alt und gehen geradezu unter in diesem Gewimmel.

Es sind rund drei Hektar Land, und so haben wir noch jede Menge vor uns. Langsam, während der Bauarbeiten, entfaltet sich in einem kreativen Prozess der neue Schulhof, die grüne Oase Tenaquip.

Freitag, 08.06.2018

Heute fahre ich raus in die Stadt, um einzukaufen, Geld zu holen und gescheites Internet zu haben, mit welchem ich diesen Bericht hier schreiben kann. Am Morgen bespreche ich nochmals alle Arbeiten, wähle zusammen mit Jean Noel die 15 besten der jungen Studenten aus und kümmere mich um die Bezahlung der Arbeiter. Heute Nacht saß ich noch bis spät, habe Material gerichtet, die Abrechnungen gemacht und das Budget geprüft. Ich konnte kaum schlafen, so habe ich auch recht wenig Energie. Ich schaffe es trotzdem die Baustelle zu managen und alles ordentlich ins Wochenende gehen zu lassen. Drei Trupps werden auch am Samstag arbeiten. Dann fahren wir los und kommen noch gerade so pünktlich zur Bank, um Geld abzuheben.

Küchenteam

Das eindrücklichste Erlebnis heute hatte ich mit Jean-Noel. Die Teambildung und das menschliche übertrifft bisher schon alles, was ich bisher in Madagaskar erlebt habe. Das Team der Schule, die Studenten, unsere Betsileo Arbeiter. Es herrscht gegenseitiges Vertrauen, Respekt und Anerkennung. Nach der harten Erfahrung in Menalamba steigt meine Motivation wieder langsam, und meine Lust, etwas in diesem Land zu tun.

Nun, Jean-Noel hat ja wie Rivo seit 15 Monaten die Subventions-Gelder für die Bauern seiner Region erhalten. Es waren nicht ganz so grosse Summen, wie Rivo zu verwalten hatte (weil weniger Bauern), aber ähnliche Beträge. Letzte Woche hatte ich ihm das Geld gesendet, um die Bus-Tickets fürs ganze Team zu bezahlen. Dann fragte er mich noch um einen Vorschuss für Hugh seine Frau. So hatte ich ihm in vollem Vertrauen den doppelten Lohn zugesandt, welchen er für die drei Wochen zu erwarten hatte. 300 000AR. Natürlich hatte ich gemischte Gefühle, aber mir blieb nicht viel anderes übrig, als ihm zu vertrauen. Er hätte easy das Geld nehmen können, ohne dann zur Arbeit zu kommen. Er ist aber gekommen, und mit ihm drei super Jungs. Jean-Noel hat mir ein Heft gegeben, in welchem die ganze Jahres-Abrechnung nachvollziebar wurde. Und auf einer Seite hatte er notiert, dass er 628 000AR für sich selbst genutzt hatte, ausserhalb seinem Lohn. Dies hat er mir gleich sagen wollen, ich hatte es aber nicht recht verstanden und hatte zuvor keine Zeit. Heute aber, als ich das Heft wieder hervorgeholt habe, hatte er es mir erklärt. Ich habe ihm den Kredit gewährt und ihm zugesagt, dass er zuerst sein Haus fertig bauen kann, bevor er das Geld zurück zahlt.

Auch wenn wir aus zwei anderen Welten kommen und Armut und Reichtum uns trennen – wir arbeiten Kollegial zusammen.

Es hat mich recht umgehauen. Er nicht nur nicht die 300 000AR einfach so eingesteckt, nein, er ist gekommen um ehrlich sein Geld zu verdienen, und hat mir gesagt, dass er mir noch 628 000AR schuldet. Ich werde ihm natürlich noch erklären, dass er das nächste mal vorher fragen muss, aber ich sehe er ist ein korrekter Mann, auf den wir uns verlassen können.

Unter den Studenten befinden sich auch einige sehr gute Leute. Berthin, Lidia und Lead beeindrucken mich immer wieder. Wir treffen uns als Menschen, über alle Hürden und Unterschiede hinweg. Lange hatte ich nach Menschen gesucht, die wirklich Interesse haben und den benötigten Charakter, um etwas in ihrem Leben zu machen. Menschen, mit denen wir gemeinsam etwas in diesem Land bewegen können. Nicht als Hilfe, sondern als Kooperation.

Berthain, Michelle und Dada-Be!

Ich schöpfe neuen Mut. Nach den herben Rückschlägen sehe ich neue Möglichkeiten, und das Vertrauen von Jean-Noel tut gut.

Danke Zanahary, Misaotra betsaka ny olon velona!

Soviel heute vom Permapartner-Team!

Ich wünsche euch eine schöne Zeit, danke für das Interesse!

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