News aus Madagaskar

Manahoana tompoko – Guten Tag!

Wir haben unseren Einsatz ist erfolgreich abgeschlossen. Der Schulgarten wurde sehr schön und wartet darauf, in der Regenzeit von uns begrünt zu werden. In Andasibe konnten wir einen schönen Abschluss finden. Den Betrugsfall konnten wir klären, dem „Täter“ eine Möglichkeit geben, die Sache wieder in Ordnung zu bringen. Monikas Hof wurde sehr schön; Sie wird nun die Technik und das Wissen mit der Frauenorganisation „Aina Vao“ teilen, so auch die Ernte und die jungen Bäume, welche wir in der Baumschule angesät haben.Zuletzt fuhren wir in den Süden, unsere Partnerbauern und Studenten haben selbst die Koordination übernommen. Wir aber standen beratend zur Seite und haben sie mit Werkzeug und Material versorgt. Am Ende konnten wir einen gemeinsamen Urlaub machen und den Nationalpark besuchen — eine grössere Vision wurde sichtbar für alle von uns.

Nun aber ausführlich!

Und so geht die Geschichte zu Ende:

Noch in Andasibe erhielt ich stets SMS von Rivo. Das er Angst vor mir hat, dass es ihm Leid tut und dass er mir alles erklären könnte. Er wolle wieder für uns arbeiten. Nun, ich sagte, dies sei kein Problem, er soll doch mal durchkommen. Am letzten Tag in Andasibe kam er dann wirklich. Ich habe ihn mir zur Brust genommen, habe Ihn wissen lassen, dass klauen nicht geht. Er hat noch versucht, irgendwelche Geschichten aufzutischen, ich habe ihm aber nicht geglaubt. Dafür habe ich ihm die Leviten gelesen: „Was kann ich machen, dass wir uns wieder verstehen?“ hat er vor sich hin gejammert: „Geh arbeiten und bring das Geld zurück, dass du veruntreut hast!“ antworte ich – ich wusste natürlich, dass er solch eine Summe nie aufbringen kann. „Du hast das Geld von sechs Bauernfamilien gestohlen und dafür gesorgt, dass wir alle Hilfe eingestellt haben.“ mit grossen Augen schaut er mich an: „Jetzt muss ich den Menschen in Europa sagen, dass ihr Geld von einem Betrüger geklaut wurde…“ neben allen Dingen, die ich ihm sage, scheint ihn dies am meisten getroffen zu haben, und: „…einige werden wohl in Zukunft nicht mehr helfen. Mir ist auch fast die Lust vergangen.“

Dann lasse ich Ihn sitzen, seine Augen sind von Tränen getränkt. Damit beeindruckt er mich nicht. Ich gehe meine Sachen erledigen und finde ihn am Abend in der Nähe des Bungalows: er möchte reden. Auch das ist Madagaskar. Wenn es Streit gibt, suchen die Menschen danach nach dem Fihavanana – dem Frieden und dem Auskommen. „Wie kann ich es wieder gut machen, Lukas?“

Nun, ich erkläre ihm, er können alle Bauernhöfe jäten, die Terrassen instand setzen und junge Bäume ziehen, welche er dann pflanzen kann. Er soll hart arbeiten und den Familien eine Hilfe sein. Ausserdem soll er seinen eigenen Hof wieder herrichten, den hat er nämlich komplett vernachlässigt im Rausche des Geldes. Ich gebe Ihm genügend Saatgut mit, schärfe ihm ein, die Finger vom Alkohol zu lassen und schicke ihn nach Hause.

Vor zwei Tagen nun kam eine SMS, dass er vier von sechs Terrassen-Anlagen hergerichtet hat. Wir werden bei dem nächsten Einsatz sehen, was wirklich geschehen ist. Für dieses mal haben wir keine Zeit. Wir konzentrieren uns auf Monikas Bauernhof Sahamamy, um uns nicht zu verzetteln. Rivo muss viel tun, um sein Verhalten zu korrigieren, aber wenn er sich anstrengt verzeihen wir ihm natürlich. Verzeihen ist ein Wert aus dem Christentum, der auch ohne strengen Glauben Sinn macht.

Menalamba – im Sumpfgebiet brennt es – rund 90% von diesem Naturschutzgebiet sind bereits zerstört. Der Urwald im Hintergund schwindet.

Die ganze Geschichte hat auch etwas Gutes. In dem Gebiet Menalamba wurde schon soviel betrogen, soviele Projekte wurden schon fallen gelassen. Nie gab es Konsequenzen. Nie wurde von den Menschen wirklich verstanden, worum es geht. Die Weissen kommen, machen irgendwas und zahlen Geld. Nun aber gibt diese Geschichte. Per SMS unterhalten wir uns weiter. Rivo frägt, ob ich nicht Geld schicken kann. Ich Antworte, niemals mehr, denn er müsste ja eher uns das Geld zurück zahlen.

„Das Geld ist nicht für mich, es ist für die Bauern!“. Er würde ein Papier bei der Polizei deponieren… Ich Antworte, dass es kein Geld mehr gibt, denn auch die Bauern haben ja keine Motivation gezeigt, als keine Geld mehr kam… „ny vokatra ny karama – Die Ernte ist der Lohn“ – er scheint anzufangen zu verstehen und ich hoffe, die Bauern auch: „hilfst du denn nun nicht mehr?“ frägt Rivo. „Wenn ihr eure Motivation und Interesse zeigt, dann werden wir euch mit Material und Werkzeug unterstützen.“ – Es wäre eine Chance, die Arbeit in der Region doch noch einem Erfolg zu führen. Wenn die Menschen durch diese Geschichte verstehen, worum es eigentlich geht, dann hatte es auch etwas gutes. Wir sind gespannt.

Eine andere Geschichte ist sehr schön. Auf dem Weg nach Fianarantsoa kamen wir in Ambositra durch. Spontan erreiche ich einen alten Freund, Henry, ein Gründungsmitglied des ISTA. Das Intitute Supérieur de Technolgie d’Ambositra ist eine der grössten Landwirtschaftsschulen des Landes. Schon letztes Jahr haben wir eine Kooperation erörtert. Immerhin haben Sie mehr als 600 Studenten und es wäre doch toll, wenn sie von unserer Arbeit profitieren könnten. Es wäre auch ein idealer Multiplikator für die Permakultur und die Agrar-Ökologie. Nun, so habe ich Henry getroffen. Es war ein freudiges wiedersehen. Sie haben mittlerweile ein gutes Stück Land gefunden, welches wir nutzen könnten. Allerdings habe ich keine Zeit, noch ein weiteres Projekt aufzugleisen, und so lassen wir es stehen für den Moment.Hugues Anlage von oben — aus einem trockenen, verbrannten Stück Erde wird langsam eine fruchtbare Permakultur-Anlage.

Zuerst gilt es die Arbeiten bei den Bauern zu Ende zu bringen und unsere gemeinsame Ausbildungszeit. Hier im Süden arbeiten sie selbstständig, 25 Hilfskräfte stellen wir Ihnen zur Verfügung. So schaffen wir jeden Tag einen guten Teil an den Permakulturanlagen unserer Partnerbauern. Zwei Tage oben in den Bergen bei Jean-Noel und Naina, dann wechseln wir den Ort und wohnen bei Hugue. Er ist ein sehr guter Gastgeber, er spendiert am ersten Abend zwei Enten! Seine Terrassen sind schon gut fortgeschritten, sodass nun ein Trupp die finale Gestaltung machen kann. Es werden Gräben in die Terrassen gezogen, die gleichzeitig, Wasserretention und Drainage sind. Ausserdem heben sich die entstehenden Beete etwas, sodass sie leichter zu bewirtschaften sind. Es ist weniger Feldbau als Gartenbau, was wir hier betreiben. Die Anlagen sind perfekt auf die Bewirtschaftung von Hand ausgelegt, keine Maschinen, kein Erdöl, keine Mechaniker, keine komplizierte Zuliefer-Kette. Ein Schmied im Back-End ist völlig aureichend. Schaufel, Machete, Axt und Spaten. Mehr Werkzeuge braucht es nicht. Eine Form der menschlichen Ernährung, die auch in tausend Jahren noch funktioniert, wenn der Kapitalismus und die stinkende Industrie-Gesellschaft längst vergessen sind.

Wir graben uns in die abgeholzten Hänge, welche sich bin zum Horizont erstrecken.

Ich stehe eine Weile beratend zur Seite, dann gehe ich eine kleine Wanderung machen. Die Berge versprechen einen weiten Blick, der mich zum träumen einläd. Ich sammle neue Ideen, Mut und Kraft. Es ist eine wunderschöne Gegend, die letzten Berge des zentralen Hochlands, bevor es in den Süden geht. Ganz oben, bei den alten Königsgräbern, eröffnet sich mir der weite Blick gen Süden, in die trockene kahle Landschaft, welche trotzdem majestätisch wirkt. Riesige Granit-Felsen ragen aus der Landschaft. Hier war es, wo ich 2012 geträumt habe, Bäume zu pflanzen. Nun, fast ist es soweit. Nur, dass wir nicht Bäume Pflanzen, sondern sähen. Henry Ford hat einmal gesagt: „Egal, ob du glaubst, dass du etwas kannst, oder du glaubst, dass du es nicht kannst. In beiden Fällen hast du recht.“

ein kleiner Rest Urwald. Das genetische Potential für die Zukunft.

Die menschliche Vorstellungskraft kombiniert mit einem starken Willen lässt uns alles erreichen. Es braucht einfach Zeit. Netterweise fliesst sie immer dahin und ist nie zuende! Nie wird uns die Zeit ausgehen…

Nosy Maintso – grüne Insel. Das ist unser Motto. Wir wollen die Insel grün machen.

50.000.000 Hektar Land. Mal sehen, wie lange wir brauchen werden.

Heute Morgen war ein Mann aus Ambalavao zu Besuch auf der Baustelle. Er fragte, ob er auch Permakultur machen könnte, ob wir ihn unterstützen. Ich willige ein, am nächsten Tag zu Besuch zu kommen.

Der Süden des Landes – kahl geschlagen für die Viehzucht!

Es dauert keine fünf Minuten, da habe ich einen Spaten in der Hand. An einer Kaffee-Pflanzung zeige ich praktisch, wie mit einem Rohr, oder in diesem Fall mit drei alten Plastikflaschen, der Baum in die Tiefe gewässert werden kann. So verdunstet das Wasser nicht, und die Wurzeln suchen das Wasser in der Tiefe. Oberflächig gegossene Bäume bilden das Wurzelwerk an der Oberfläche – wo es schnell austrocknet. In die Tiefe gegossen aber finden die Wurzeln schnell ihren Weg nach unten und sind so auch bald in den feuchten Erdschichten, wo sie keine weitere Bewässerung mehr brauchen. Zwanzig Liter giessen wir so in etwa einen Meter tiefe. Dann gehen wir seine Felder anschauen.

Harte, ausgetrocknete Erde erwartet mich, am Rande der Reisfelder, welche von einer weiter entfernt liegenden Quelle gespeisst werden. Das gleiche Bild wie immer.

Der Mann hat eine Baumschule, und so schlage ich einen Tausch vor. Wir Finanzieren ihm und seinem Freund den Bau ihrer ersten Permakulturanlagen, dafür produzieren sie uns 5000 Bäume. Ich kaufe die Töpfe, sie müssen die Arbeit machen. So bekommen wir unsere Bäume und sie ihre Anlagen. Wir müssen kein zusätzliches Budget aufbringen und haben eine neue „Front eröffnet“. Damit sind wir dann offiziell im Süden Madagaskars aktiv. Mal sehen, ob es klappt.

Da sich Francois, so heisst der Mann, gut mit Bäumen auskennt, kommen wir ins Gespräch über Baumsaat. Er hat einige Ideen, welche Bäume denn gute gehen könnten. Und im Verlaufe des Gesprächs stellt sich heraus, dass sie eine Bauernorganisation haben, die dreissig Hektar Land betreut auch einen kleinen Naturwald schützt. Wir planen, das Land zu bewalden, sobald die Regenzeit beginnt.

Im Schutz der alten Tradition finden wir neue Wege.

Sollte unsere Arbeit ein Erfolg werden, können wir evtl. das ganze Dorf auf Permakultur umstellen. Das wären mehrere hundert Hektar Land, Wald, Terrassenanlagen und Waldgärten. Ein grüner Punkt inmitten der roten, trockenen Landschaft. Wir werden sehen.

Nun aber gehe ich nach Rano Mafana, dort nehme ich mir Zeit für mich und für die Dokumentation des Projekts. Koko bearbeitet Filme, ich schreibe diesen Bericht, mache den Newsletter und gemeinsam entsteht die Idee eines neuen Kommunikationskonzepts. Viele Leute in Europa wollen sich engagieren, Ihnen fehlt aber die Zeit, volle Verantwortung zu tragen. So können wir ja die Aufgaben in kleiner Arbeitspakete aufteilen. Hier findest du das Ergebniss: Werde aktiv!

Desweiteren arbeiten wir an einem fünf-Jahresplan. Wir haben Menschen, denen die Idee gefällt und hart arbeiten. Wir haben ein erfolgsversprechendes Konzept. Nun gilt es, dieses zu stärken und wachsen zu lassen.

Nach drei Tagen kommen die Studenten. Sie haben selbstständig die restlichen Bauernhöfe weiter gebaut und kommen nun für einen gemeinsamen Abschluss nach Rano Mafana. Wieder ist es mit gelungen, eine schöne Bungalowanlage zu mieten. Nach all der Arbeit habe sie sich etwas Luxus verdient. Die Bungalows haben fliessendes, warmes Wasser. Gute Betten und sogar Glasfenster. Sie sind aus schönem Holz und auch die Küche, in der wir kochen können, ist inspirierend. Die Kochstellen haben einen Rauchabzug, und so gibt es keinen Rauch in der Küche.

Dazu muss man wissen, dass in Afrika allgemein in den Häusern mit offenem Feuer gekocht wird. Häufig ist das Holz nass und so ist eines der grössten Gesundheitsprobleme afrikanischer Frauen das Kochfeuer, welches zu Lungenproblemen führt.

Ab in den Urwald!

Rano Mafana ist grün, mitten in einem Nationalpark. Gemeinsam gehen wir in den Park und lernen, „wie Gott pflanzt“. Haben Bill Mollison und David Holmgreen die Permakultur anhand von Wäldern entwickelt, so können auch wir im Wald die Zusammenhänge verstehen. Herabfallende Blätter und Äste bilden das Futter für das Bodenleben, welche den Humus aufbauen. Die Wurzeln halten die Erde. Wasser sickert ein und bildet Grundwasser. Immer ist es feucht und Kühl im Wald. Immer wieder halten wir an, die Studenten fragen neugierig, und oftmals diskutieren sie untereinander. Es sind Details, kleine Momente. Und doch – erfolgreiche Entwicklungshilfe ist es dann, wenn sich etwas im Bewusstsein der Menschen tut. Grosse Programme und Infrastrukturen helfen nur bedingt, sind gar manchmal schädlich. Je nach dem, was sie mit dem Bewusstsein tun. Vieles verkommt einfach wieder. Weil nur die Dinge, nicht aber der Geist, das nötige Verständniss vermittelt wurde.

Unsere Studentengruppe am Ende unserer 7-Wöchigen gemeinsamen Zeit!

Am letzten Tag gehen wir in ein Aboretum. Einer der Jungs fängt an Samen einer Palme zu sammeln. Die anderen tun es ihm nach. Lebhaft diskutieren wir das Potential von Forstwirtschaft – ein Konzept, dass ihnen eher fremd ist. Nur alleine der Gedanke, Bäume auswachsen zu lassen, wird als interessante Neuheit aufgenommen. Auch das durchforsten, also das fällen junger Bäume um den Bestand auszudünnen, ist ihnen neu. In Zentraleuropa eine Selbstverständlichkeit, in Madagaskar eine Innovation. In dem Aboretum finden sich auch über fünfzig neuer Arten und Sorten von Früchten. Wir finden eine reife Frucht, die keiner von uns kennt. Sie schmeckt vorzüglich und wir nehmen die Samen mit. Auch finden wir hunderte Sämlinge von Citrusfrüchten. Wir jäten sie aus dem Gras und nehmen sie mit. Der Funken ist übergesprungen. Sie haben verstanden, worum es geht.

Wir weissen Menschen werden auch als „Lang-Nasen“ bezeichnet… hahaha… Gemeinsam bestaunen wir die Wunder der Natur.

Wir finden die Frucht, welche uns so gut geschmeckt hat, und kaufen für jede Region ein Exemplar. Auch Jacaburtica finden wir, eine Frucht aus Brasilien, welche die Blüten und Früchte am Stamm entwickelt. Eine ausländische Organisation hat einst den Park angelegt und die neuen Arten eingeführt. Nun verbreiten sie sich. Thomas Jefferson hat einmal gesagt: „Den grössten Dienst, den du einer Nation erweisen kannst ist es, ihr eine neue Kulturpflanze zu bringen!“

So ziehen wir nach Hause, mit einem bisschen Zukunft in der Hand… 😉

So kehrt das ganze Team reich an neuen Inspirationen, Saatgut und Pflanzen zurück in die Heimat. Mögen die Samen aufgehen und die Ideen Fuss fassen auf „nosy mena“ – der roten Insel.

Eines Tages werden wir von Nosy Maintso sprechen, einer paradiesischen grünen Insel inmitten des indischen Ozeans.

Abspann:

Das Projekt wurde in sechs Jahren in freiwilligem Engagement entwickelt und aufgebaut. Für Fünf Missionen haben ich fast drei Jahre in Madagaskar verbracht. Auch in Europa gab es viel zu tun. Für das Spenden-Sammeln, oder modern „Fundraising“, bauen wir auf ehrenamtliches Engagement. Schon jetzt gibt es ein fleissiges Team, welches die verschiedenen Aufgaben gemeinsam meistert. Und wir können noch gut Verstärkung gebrauchen.

Ich werde noch für eine Zeit die Einsätze vor Ort leiten, da ich nun viel Erfahrung habe, die Menschen gut kenne und ihre Sprache spreche. Ziel ist es dann, dass die Madegassen alleine weiter machen können. Wenn sie es verinnerlicht haben, werden unsere Investitionen Früchte tragen. Eines Tages werden die neuen Anbaumethoden so selbstverständlich Teil der Madegassischen Kultur sein, wie das Speichenrad. Und auch in tausend Jahren werden sie noch von den Terrassen ernten und ihre Wälder nachhaltig bewirtschaften.

Und so bitte ich dich, uns zu helfen, die Arbeit bis dorthin zu tragen. Leiste einen finaziellen Beitrag oder helfe und in einem anderen Bereich. Werde teil von unserem Team, werde Teil von Permapartner – werde aktiv!

www.permapartner.org/selbst-aktiv-werden

Vielen Dank!

Euer Lukas

 

Was bisher Geschah…

 

Unsere Arbeit trägt Früchte

Es sind nun einige Wochen vergangen und vieles ist geschehen. So erzähle ich euch nun wie es weitergeht in der Geschichte. Nehmt euch ein bisschen Zeit, einen Tee und freut euch auf eine sehr menschliche Geschichte. Mit höhen und tiefen, vielen lustigen Momenten und einigen traurigen. Mit ernsthaftem und, wie üblich auf Magadaskar, vor allem viel Freude.

Leda und Naina

9. Juli 2018 (ältere Beiträge siehe unten)

Die Tage sind voll und ich komme nun endlich mal wieder zum schreiben. Es ist 05:48 am Morgen und ich nutze meinen Laptop-Akku. Hier oben in den Bergen bei Ambalavao, in dem Bauernhaus von Jean-Noels Eltern, gibt es kein Stromnetz. Alles was nicht hier produziert wird, muss einen schmalen Fussweg von dem Tal herauf gebracht werden.

Für die Häuser werden sonnengetrocknete Lehmziegel einfach mit Erde gemauert, danach mit Erde verputzt. Die Zwischenböden sind aus Erde und Stroh, sie liegen auf Rundhölzern. Es wird gebaut mit dem, was es gibt. Ich sehe das Strohdach von unten, es ist wirklich gemütlich in meinem kleinen Dachgeschoss. Das Haus ist schon älter und immer wieder bauen sie ein Stückchen an. Zwei-Einhalb Stockwerke, ich wohne in dem halben, ist es hoch. Und ein bisschen wie eine Mausehöhle. So verbindet ein 60X60cm „Türloch“ mein Zimmer im dem Altbau. Es kann hindurchschlüpfen, wer sportlich und schlank ist.

Selbst die Eingangstreppe in den ersten Stock ist Steil und die Türluke klein. Wer hier lebt, bleibt bis ins hohe Alter fit, und sollte dies auch bleiben. Bebe, die Grossmutter, hat es schon etwas beschwerlich, doch auch sie klettert hinunter um Neugierig unserer Planung zu Folgen.

Das Dorf, in welchem wir Gast sein dürfen.

Sechs Tage werden wir hier arbeiten. Jeden Tag an einem anderen Bauernhof, am Samstag dann zwei Höfe. So schaffen wir es, bei allen sieben Partnerbauern die Terrassenanlagen zu optimieren und zu vergrössern. Wir werden einen grossen Arbeiter-Trupp anstellen. Zusammen mit uns sind das dann vierzig Menschen. Jeder Tag entspricht also zwei Monaten Arbeit, im gesamten legen wir in dieser Woche ein Jahr Arbeit zurück.

Das ist auch unsere neue Herangehensweise. Anstatt die Leute monatlich zu bezahlen, bekommen sie intensive Schulungen, und dann komprimiert Hilfe beim Bau der Anlagen. Dazu Werkzeuge und Saatgut. Dann müssen sie selbstständig arbeiten. Die Ernte wird der Lohn sein – „ny vokatra ny karama“ lautet das neue Motto. Zu viele kommen mit Geld nicht klar, zu fest sitzt in mir die Erfahrung, bvetrogen worden zu sein. Es gab ja auch schon Fälle, dass Bauern nicht gearbeitet haben und einfach das Geld genommen haben. Mit all dem ist nun Schluss, wir ändern unsere Strategie. Nun aber zurück zum Anfang. Wir waren ja gerade noch in der Schule, und zwischendurch ist viel passiert.

Der Schulgarten

Die grosse Truppe schaufelt und gräbt sich durch das Terrain, welches langsam von einem Grobkonzept zu einer realen Anlage wird. Swales, Teiche, Terrassen und erste Wege entstehen. Langsam lässt es das unförmige Schulgelände zu einer Skulptur werden. Wasser wird aufgefangen und sickert in die Erde. Die Grundlage für die spätere grüne Oase. Terrassen entstehen, wo später Gärten sein werden, und nahe der Schulhäuser werden Nischen und Ecken gebaut, in welchen sich die Schüler wohlfühlen können. Offene Plätze wechseln sich mit Orten der Ruhe ab, Wege aber werden vor allem in den nächsten Monaten entstehen, wo die Kinder am meisten entlanggehen. Diese werden dann ausgebaut und angepasst. Die beste Wegführung kommt von selbst.

Beim Bau des „Schwimmbads“, einem sehr grossen Wasserretentions-raums.

Die Schule wird ein eigener Raum, etwas neues, anderes, was es in der Gegend nicht gibt. Geschwungene organische Formen, welche von den Menschen als „schön“ empfunden werden, auch wenn sie nicht erklären könnten, warum. Die Formen wirken direkt auf der Seele, und von dort nehme ich die Formen auch her. Ich bin strikt, und lasse auch gerne mal einige Schubkarren Erde entfernen und an anderer Stelle anschütten, um gewünschte Formen zu erhalten. Von den Rändern des Geländes arbeiten wir uns langsam nach innen vor. Aussen die Produktiven Gartenbauflächen und Waldgartensysteme, nach innen hin dann die Räume für die Schülerinnen und Schüler.

Ein Hauptelement wird der Eingang. Zwei kleinere Treppen führen von der Strasse hinauf auf ein Plateau. Die Grenzen werden Komplett bepflanzt, und so sieht mensch von aussen nicht, was sich dahinter verbirgt. Es soll ein geschützter Raum sein, in sich abgeschlossen. Wenn die Kinder und Besucher aber die kleinen Treppen erklommen haben, eröffnet sich vor ihnen eine grosse Treppe von gut 25 Metern Breite, mit drei Doppelstufen, die einzelne Segmente bilden. Der Blick auf die Hauptgebäude eröffnet sich, und mit ihm ein grosser Raum.

Willkommen in der Schule TENAQUIP!“

Von diesem Hauptplatz aus erreicht mensch dann alle Teile der Schule, der Kleinkindplatz, die Kantine, die einzelnen Schulgebäude, der hintere Hof. Rechts erschliesst sich dem Besucher ein weiterer, kleinerer Schulhof, in welchen wir ein Amphietheater bauen, und hinter diesen letzten Gebäuden findet sich dann der grosse Teich, welcher in der Regenzeit (warme Zeit) als Schwimmbad genutzt werden kann.

Die erste Stufe wird gesetzt.

Die Treppen zu bauen in diesem Ausmass war nicht geplant. Es ist recht herausfordernd und lässt mich den Rest, den „eigentlichen Teil“ der Arbeiten, nebenher erledigen. Ich bin Dankbar, so fähige Teamleiter zu haben, die mit kurzen Besprechungen ein sehr gutes Ergebnis erzielen. Die Treppen aber brauchen meine volle Konzentration. Dir Form muss stimmen, die Höhen und das Niveau. Keine einfache Aufgabe, ein Kunstwerk zu erstellen unter diesen Bedingungen. Und so kommt es auch immer wieder zu kleineren und grösseren Problemen und darauf folgenden Anpassungen. Das dumme ist, sobald die Mauer gesetzt ist und der Zement hart, kann man nicht so leicht Änderungen vornehmen. Da ist Erde dankbarer.

Auch die Logistik ist ein Ding für sich. Werkzeuge, Zement und kleineres Material werden mit Ochsenkarren heran geschafft, Backsteine aber mit Lastwagen. Insgesamt werden wir 6000 Backsteine und rund 350 Granitsteine verbauen. Mehrere Maurer stellen wir ein, einer unserer Facharbeiter besorgt die Einkäufe, regelt die Lohnzahlungen und überwacht die Materiallieferungen. Wenn etwas fehlt nimmt er mein Velo und radelt in die nächste Klein-Stadt, um Nachschub zu ordern. Er macht eine ordentliche Abrechung.

Ich aber bin vor allem um die Harmonie der Form und um die Raumwirkung besorgt. Jedes Fundament setze ich selbst, die Maurer fixieren es dann und bauen die Stufen darauf. Insgesamt ist es eine sehr freudige Arbeit, die meiste Zeit lachen wir, setzen Steine, mischen Zement. Ein Trupp von zehn Menschen ist stehts damit beschäftigt, Sand vom Fluss heran zu tragen, andere helfen, dass die Maurer genügend Steine haben.

Treppen. Ein sehr kommunikatives und soziales Element. Sacre-Coeur und Paris. Die Bahnhofstreppe. Die Treppen in Basel am Rhein.

Tausende Schubkarrenladungen bilden den neuen Schulhof

An jedem schönen Platz an dem grosse Treppen sind, setzen sich Menschen, geniessen die Umgebung, ruhen sich aus, treffen sich, machen Musik, reden miteinander. Treppen sollten breit sein. Sitzende und Verkehr sollen sich nicht stören, sondern eher beflügeln. „Es ist etwas los“ an einer Treppe. Und schon bald, als der Zement gerade genug trocken, setzen sich die ersten Menschen und geniessen den Ausblick. Die Hecke wird gerade hoch genug sein um den Blick von und zur Strasse zu verbergen, aber lässt den Blick in die Ferne zu.

Während die Treppe wächst, arbeiten sich die anderen fünf Trupps vorran. Hugh hat eine eigene Gruppe von 36 bezahlten Arbeitern. Er ist der geborene Vorarbeiter. Am Morgen, wenn einhundert Leute herum stehen und ich versuche, die Werkzeuge einigermassen sortiert heraus zu geben, reicht ein kurzer Blick zu Hugh und sein bestimmendes Kommando lässt einen Teil der Gruppe los marschieren. Dass erleichtert mir das sortieren am Morgen, denn jeden Tag haben wir eine andere Gruppenzusammensetzung der Eltern, welche zum Helfen kommen.

Wir teilen sie je nach Bedarf auf. Die Mütter und grossen Schwestern versuche ich mit leichteren Aufgaben zu betrauen, vor allem im ersten Garten, welchen wir bereits anpflanzen, und zum schieben der Schubkarren. Wir können sie Qualitätsbedingt nur halb füllen, so ist es ein leichter Job.

Die Männer aber schwingen Pickel, Spaten, Baramin (Spaten an Eisenstange) und Schaufeln. Es ist schon immer wieder beeindruckend, was Menschliche Schaffenskraft erreichen kann, wenn sie einem gerichteten Willen folgt.

Einmal finden wir sogar ein Grab, die Knochen werden dann mit der ganzen Dorfgemeinschaft umgesetzt.

Es kommen nicht nur Eltern, sondern auch Geschwister, um den Beitrag an der Schule zu leisten. Einen Tag übersehe ich am Morgen die Minderjährigen, uns so kommt es, dass ich ausgerechnet einem Buben eine Verletzung zufüge, als er sich mir unbedacht von hinten nähert. Sofort behandle ich ihn und schicke alle Minderjährigen nach Hause. Der Junge sieht aus wie vierzehn, ist aber bereits siebzehn. Eigentlich OK, aber ich akzeptiere es trotzdem nicht. Während der nächsten Tage behandle ich ihn und kontrolliere die Wunde. Es ist eine Schnittverletzung am Kopf, welche ich ihm mit einem schweren Eisenspaten zugefügt habe (wie gesagt, er ist mit von hinten ins Werkzeug gelaufen).

Wir lernen uns näher kennen, und nebst reichen Gaben an Früchten und Naturmedizin, entdecke ich einen interessierten Jungen. Er war zuvor auf der Schule, hat aber abgebrochen. Ich Frage ihn, ob er weiter lernen möchte, er bejaht. Er meinte, es hat am Schulgeld gefehlt, er ist halbweise und seine Mutter hat wohl nicht genug, die fünf Euro pro Halbjahr aufzubringen. (Die Schule ist ja stark subventioniert aus Kanada). Ich biete an als Wiedergutmachung ihm das fehlende Abschlussjahr zu finanzieren. Es stellt sich aber mit den Tagen heraus, dass er eher wegen mangelnder Leistung und Interesse die Schule abgebrochen hat. So frage ich ihn also wieder, was ihn denn wirklich interessieren würde. „Auto-Ecole“, Autoschule, denn der Führerschein ist hier eine kombinierte Ausbildung als Fahrer und Mechaniker. Macht Sinn, denn der Fahrer wartet auch gleichzeitig das Fahrzeug und muss draussen im Busch selbst das Auto reparieren können, im Falle einer Panne.

Seine Wunde ist schnell verheilt, und so kann er sich in der letzten Woche durch vier Tage Arbeit die Aufnahmegebühr verdienen und wird von nun ab jeden Samstag im Garten arbeiten. Damit kann er die Gebühren bezahlen. Ich schenke es ihm absichtlich nicht, dass er später den Stolz hat, es sich selbst verdient zu haben. Ausserdem wird er es so mehr wertschätzen und dranbleiben. Ich sorge einfach dafür, dass er einen garantierten Job mit anständigem Lohn hat. Ein unbedeutendes Einzelschicksal, aber nette Geschichte am Rand, welche in mir auch wieder die Wichtigkeit dieser Arbeit aufzeigt.

Die zukünftigen Gartenanlanlagen im hinteren Bereich der Schule. Fertig gesät und gemulcht warten sie auf die Regenzeit.

Nur wenn wir vernünftige ökonomische Perspektiven bieten, im Sinne von Berufsausbildung und Aufbau funktionierender Betriebe, wird die Schule einen Sinn haben. Das Abschlusszeugnis können die jungen Menschen ja nicht essen. Mehr als 80% finden keine gescheite Arbeit, nur wenige schaffen es auf die Uni, was auch noch keine Garantie ist. Unsere neuen Anbaumethoden aber sind eine reale Perspektive, denn hier sind alle Bauern, welche mit diesen neuen Techniken aus der Armut gehoben werden können. Auch ist der Markt vorhanden, denn die Hauptstadt frägt Unmengen an Essen, Tees, Holz, Holzkohle und anderer Agrarprodukte nach. Den Markt haben wir, nun gilt es, die Produktionsmethoden einzuführen und die Betriebe aufzubauen.

Fünf Bauern in dieser Region sind Teil des Permapartner-Netzwerks. Sie erhalten unsere Unterstützung und sind Pioniere. Die Schule ist unser Anschauungsobjekt, unser erster Gross-Betrieb und vor allem aber eine Lehrstätte, in welcher mit den Jahren tausende junger Menschen die Permakultur-Techniken miterleben und lernen können. Sie wachsen nun mit der nachhaltigen Landwirtschaft auf.

Am Ende der zweiten Woche überkommt mich ein Schwäche-Anfall. Ich bin krank und komme nicht aus dem Haus. Die Baustelle läuft ohne mich. Ein gutes Gefühl, zu sehen, dass es ein starkes Team gibt, auf welches Verlass ist. Es ist auch eine wichtige Übung, in den nächsten Wochen werden wir diese verstärken. Selbstständiges und verantwortliches Arbeiten ist entscheidend für den späteren Erfolg unserer Studenten und unser Projekt.

Gemeinsames studieren im Feld bei einer Exkursion.

Fast jeden Abend studieren wir zusammen, besprechen den theoretischen Hintergrund und oftmals auch ganz andere Sachen, wie Philosophie, Ökonomie, Kultur und ganz menschliche Fragen. Wieso sind die Menschen in der Schweiz reich, obwohl sie auf einem kargen, kalten Stück Felsen Leben, welcher ursprünglich von Mooren, Wäldern und feucht-Gebieten umgeben war? Wieso sind die Menschen in Madagaskar arm, obwohl sie auf einer reichen Insel Leben, mit unglaublichem Klima, viel Regen und einer tiefen Erde in der fast alles wächst?

Wie kommt Wohlstand wirklich zustande? Was bedeutet Freundschaft und Vertrauen…? Viele Themen beschäftigen uns, und es beginnt, das die Madegassen Fragen stellen. Es ist der erste Einsatz, in welchem die Menschen beginnen, Fragen zu stellen. Zuvor sind sie immer brav mir, der „Lang-Nase“, hinterher gelaufen. Nun aber beginnen sie selbstständig zu arbeiten und Fragen zu entwickeln.

Eines Abends kommen wir zusammen, wir sitzen im grossen Schlafsaal. Ich Frage in die Runde, wie es denn weitergehen soll, wenn ich nicht mehr da bin. Ich erzähle ihnen meine Geschichte, was mich bewegt hat nach Madagaskar zu kommen, wie meine Arbeit aussieht, was mich motiviert, und auch, was mir die Motivation raubt. Ich sage ihnen, dass ich nicht komme, weil ich glaube sie seien arm und hilfsbedürftig. Ich sage Ihnen, dass ich mit einem grossen Reichtum beschenkt wurde, und diesen gerne teilen möchte. Und dass ich Dankbar bin für alles, was mir Madagaskar zurück gibt. Es ist wirklich so, ich lerne unglaublich viel von den Menschen. Gespannt hören Sie meine Geschichte.

„Stell dir vor, du bist in einem Haus geboren und deine Eltern sind reich. Du hast viele Bonbons bekommen, und das Nachbarkind keine. Ich gehe einfach zum Nachbarkind und teile meine Bonbons.“ – Meine Motivation ist es, die ungerechte Situation etwas auszugleichen. Ich teile meine Bildung und sie ihre Lebensfreude. Und so beschenken wir uns gegenseitig.

Natürlich ist es eine ernsthafte Arbeit, es geht um die Zukunft des Landes und jedes einzelnen. Wir wollen den strukturellen Wandel positiv zu meistern, den die Kolonisation sehr zerstörerisch und einseitig begonnen hat. Es geht darum, den totalen Ökozid zu verhindern und die drohende Hungersnot abzuwenden. Es geht darum, ein neues Madagaskar zu errichten. Ich bin Geburtshelfer, es soll aber ihr eigenes Kind sein.

Ich will zuhause eine Familie gründen…“, schon zuvor hatte ich erzählt, eine tolle Frau kennengelernt zu haben. Hugue ergreift das Wort, in einer etwas hitzigen Diskussion: „Jetzt hört mal auf. Lukas hat jetzt eine Frau – Luka mananbady – und kann nicht ständig wiederkommen. Wir müssen nun selbst anpacken!“ Die Art wie er es sagt, lässt mich innerlich lächeln. Sie fangen an lebhaft zu diskutieren, wie sie das Permapartner System selbst in die Hand nehmen können und es weiter entwickeln.

Wir stellen eine Liste auf, was gebraucht wird. Werkzeug, Saatgut und Fachwissen. Das steht an oberster Stelle. Dann beginnt wieder eine hitzige Diskussion. „Es ist viel einfacher, wenn es ein Madegasse erklärt. Wenn Lukas erklärt, versteht man es nicht recht!“ Ich lächle in mich hinein. Nur zu sehr würde ich mich freuen, wenn Madegassen anfangen, das Wissen untereinander weiter zu geben. Ein Konzept, welches im Busch entstanden ist, einfach in den Sand gezeichnet, fängt nun an, bei den Menschen anzukommen. Sie vollziehen nach, was es bedeuten kann. Ein Bauer hilft dem anderen. Wenn sie anfangen zu ernten, geben sie 30% der Ernte weiter, während sie den Rest für sich behalten. So entsteht ein positives Schneeballsystem, an dessen Ende alle gewinnen. Investitionen gehen nicht von einer Zentrale aus, die Geld verleiht und Zinsen verlangt, eine Zentrale, die immer reicher wird. Es wird ein System, an dessen Anfang ein Geschenk steht. Dein Geschenk als Spender, unser Geschenk als Team vor Ort, das Geschenk aller Unterstützer. Daraus erwächst einer kleinen Gruppe die Möglichkeit, ihren eigenen Landsleuten zu helfen. Und diese Gruppe wird immer grösser. Den Samen haben wir vor einer Zeit in die Erde gesteckt. Nun fängt er an, sanfte Würzelchen zu schlagen. Noch werden wir das zarte Pflänzchen giessen, in der Hoffnung, dass es sich zu einem starken Baum entwickelt, der Früchte trägt.

Der Kontakt nach Europa wird über Smartphones geregelt. Wir haben zwei Telefone als Spenden erhalten. Maeva Rova und Ambalavao werden mit diesen ausgestattet. Sie können über Telegramm Bilder senden und Fragen stellen. Berichten, wie es läuft und bei Problemen um Hilfe bitten. Wenn wir beim nächsten Einsatz genügend Telefone haben, kann jeder Bauer, zumindest aber jede Region ausgestattet werden. Hast du noch ein unbenutztes Android Telefon zuhause oder ein altes I-Phone? Melde dich bitte unter: info@permapartner.org, wir freuen uns über diese Unterstützung.

Das Team!

Unser Team, das sind Dada Be, der Opi, Arsen, der Gehörlose, Berthain, unser Priester, der gerne wichtige Dinge erzählt und so zu seinem Spitznamen kam. Michelle, der grade Papa wurde und sein Kind nächste Woche zum ersten mal sehen wird (er ist heimgefahren, als seine Tochter aber als nicht kommen wollte fuhr er wieder zu uns – zwei Tage vor ihrer Geburt).

Lidia und Ravaka bringen weibliche Energie ins Team und übernehmen vor allem die Gärtner-Arbeiten. Sapi der stille junge aus Maevarova stellt sich immer wieder als zuverlässiger junger Mann heraus und Oliver, der lange Dünne, ist ein cleverer Gruppenführer, der eine sehr ordentliche Arbeit macht. Er beherrscht auch schon am besten die Zeichensprache von Arsen, den wir auch „Beresaka“ nennen – „den Geschwätzigen“. Schon eine Leistung für einen Taubstummen.

Arsen, Sapi und Olivier

Sobald es es Tag wird und seine Hände sichtbar sind, fuchtelt er die Worte nur so um sich, quiekt Freudig auf der Baustelle und wenn er ein hübsches Mädchen entdeckt. Den Mädchen, „Sipas“, ist er ständig hinterher, und scheint gut anzukommen. Auch Sarely, unser etwas tatriger Opi, hat noch ein aktives Liebesleben. Als einmal sein Telefon klingelt nimmt er mit den Worten „Salut Cherie“ freudig das Telefon ab. Alle freuen sich für ihn. Er, die zwei Frauen und Arsen machen die Gruppe Liebenswert. Wir sind nicht nur eine Gruppe junger Männer, was manchmal anstrengend und auch sehr vulgär werden kann, sondern wie eine Familie. Der Opa erfordert Fürsorge, Selbstlosigkeit und mitdenken. Die Frauen bringen die Schönheit und den Anstand, Arsen aber die Empathie. Einmal haben wir uns vor kurzem über Taubheit unterhalten. Etwas verwundert fragen mich die Jungs, warum den Arsen Quieken kann, wo er ja nicht redet. Ich erkläre ihnen das Krankheitsbild eines Tauben. Sie können nachvollziehen, dass Sprechen lernen nicht geht, wenn mensch nicht hören kann. Empathie ist sonst nicht die Stärke der Madegassen, wo sie eher Witze machen über Menschen die anders sind und über Probleme anderer.

Wir wohnen, leben, essen und arbeiten zusammen.

Dann gibt es noch Lahatra, ein junger Mann aus Ambohiborosy, wo wir den Schulgarten bauen. Er betreibt auch ein eigenes Landstück, ist Permapartner-Bauer und arbeitet als Gärtner im Schulgarten. Unsere Betsileo-Jungs Lead, Jean-Noel, Hugue und Naina zuletzt sind das Rückgrat des Teams. Bescheiden, fleissig, hilfsbereit und anständig. Sie sind in der Schule vor allem Facharbeiter, zuhause Permapartner-Bauern, studieren aber auch mit uns mit, wenn es die Zeit zulässt. Seit drei Jahren arbeiten wir zusammen. Sie sind am weitesten ausgebildet und bereit, selbstständig eigene Projekte zu realisieren. Das wird bei der Schule offensichtlich. Planung, Materialbeschaffung und Ausführung. Alles bekommen sie gut hin. Sie diskutieren auch immer am lebhaftesten, wenn es um Ausführungen und Arbeitsabläufe geht.

Und so gehe ich aus der Besprechung mit dem dem guten Gefühl, das Projekt langsam an die Madegassen zu übergeben. Nicht sofort komplett, aber Schritt für Schritt.

Die Arbeiten an der Schule kommen zu einem Guten Ende. Fast alle Terrassen werden mit Beeten fertig gestellt, gesät und gemulcht. Lidia und Ravaka machen da einen riesen Dienst. Hugue baut noch zwei grosse Wasser-Retentions-Becken in einen Erosions-Graben als kleinenBonus, weil er schneller fertig wurde. Jean-Noel baut einen grossen Fussball-Platz und einen tollen Vorplatz vor die Bühne, welche sich im hinteren Hof befindet. 400 Menschen finden nun gut Platz, wenn es Aufführungen und Feste gibt. Hunderte Kubikmeter Erde mussten dafür bewegt werden, das Ergebnis aber belohnt alle Mühen.

Bei unserem Amphietheater im linken Schulhof werden drei der vier Stufen fertig. Beim Haupteingang werden die sechs Stufen der drei grossen Segmente fertig, teilweise fehlen aber noch die Decksteine aus Granit. Die zwei Seitentreppen werden in die Erde geschnitzt. Die Arbeiten müssen zu einem späteren Zeitpunkt fertig gestellt werden. Die Treppe wirkt aber schon, der ganze Raum hat sich verändert in seiner Wirkung.

Über 800 Kubikmeter Wasser-Retentionsraum gibt es nun auf dem Schulgelände, wenn es im Jahr vierzig mal regnet um die Kanäle, Teiche und Becken zu füllen, dann sickern im Jahr rund 32.000.000 Liter Wasser ein, oder 20 tausend Kubikmeter. Das entspricht einem kleineren See, der jedes Jahr in der Erde gespeichert wird. Diese Technologie ist die billigste und effektivste Art der Wasserspeicherung, später werden bionische Pumpen (Bäume, Pflanzen) das Wasser hochpumpen und der Wasserspiegel in unseren Brunnen steigt an. Stetig wirkt auch das Kapillarsystem der Erde, haarfeine Kanäle, in denen Wasser nach oben wandert. Der Boden ist bereitet, nun warten wir auf die Regenzeit, um 6000 Fruchtbäume und 20.000+ Unterstützer-Bäume zu pflanzen.

Die grosse Treppe am Eingang.

Wir nutzen die grosse Tribüne und verabschieden uns offiziell bei den Eltern, welche so fleissig mitgeholfen haben. Über dreitausend Arbeitstage flossen in den Bau. Ich halte eine Ansprache. Zuerst mache ich Spässe und bringe die rund 200 Menschen zum lachen, dann finde ich ernste Worte: „…wenn ich auf mein Herz höre, dann frage ich mich, wer spricht. Ich glaube, Zanahary (Gott) spricht, wenn wir auf unser Herz hören. Alles was wir aus unserem Herz hören ist die Idee Gottes (eftra zanahary). So wie die Formen, welche in den letzten Wochen entstanden sind, welche wir alles so schön finden. Wir können sie nicht mit unserem Verstand bauen und nicht mit demselben verstehen. Sie kommen aus dem Herzen und werden mit dem Herzen verstanden…“ Schönheit und Harmonie wird von allen Menschen Verstanden, auch bei unterschiedlichem Geschmack gibt es etwas, was alle als schön empfinden. Als gut, als angenehm. „…wenn wir lernen auf unser Herz zu hören (miaino fo), dann lernen wir, Gott zu hören. Wenn wir Alkohol tinken, dann verstummt das Herz. Wenn wir böse werden. Wenn wir verletzt sind. Dann verstummt das Herz. Wenn wir aber wieder lernen, auf unser Herz zu hören, dann können wir Frieden für unsere Familien finden, dann können wir den Fihavanana wieder herstellen…“ Fiahavanana, ein sozialer Wert der Madegassen, welcher Frieden, Gerechtigkeit, Vertrauen und Ehrlichkeit beinhaltet. „…wir können den Fihavanana in unseren Dörfern wieder herstellen und lernen wie wir unsere Probleme lösen können. Wenn wir ehrlich auf unsere Herzen hören, dann finden wir alle Lösungen für unsere Probleme. Zanahary ist uns wohlgewollt.“

Was sich fast wie eine Predigt anhört ist eigentlich nur meine Erkenntnis über die letzten Wochen, Monate und Jahre. Was in Europa Sozialspychologie, Esoterik und dergleichen mehr wäre, findet in der Sprache der Madegassen einfache Worte – komplizierte Worte gibt es eher wenige hier draussen auf dem Land.

Einweihung der Tribüne und grosses Dankeschön an alle Helfer!

Am letzten Tag erledigen wir einige Restarbeiten an der Treppe, Sähen die letzten Terrassen, mulchen soviel wir Mulch finden können. Ich bedanke mich beim Küchenteam, welches in den letzten Wochen immer für uns da war. In dieser Schule herrscht ein sehr guter Zusammenhalt und ein tolles Gruppengefühl. Die Menschen sind füreinander da, relativ wenig wird intrigiert, die Gegegenseitige Unterstützung ist sehr stark. Einige der Lehrer sind sehr kritische Denker, hinterfragen die madegassische Tradition und die aktuelle Situation mit ihren Institutionen (Staat, Schulsystem, Kirche). Der Schuldirektor ist gerademal 28 Jahre alt und sehr motiviert. Ein cooler Typ. Dieses Team und die Gemeinschaft gibt mit Hoffnung, am richtigen Ort zu sein für diese Arbeit.

Die Werkzeuge am Ende ihres Einsatzes.

Wir räumem die Werkzeuge auf, schrauben die Schubkarren auseinander, verstauen alles fein säuberlich. Einen Teil der Werkzeuge verteilen wir an die Permapartner-Bauern der Region und an die Studenten. Startkapital für ihre eigenen Bauernhöfe. Dann verabschieden wir uns von allen, gehen schlafen um am nächsten Morgen sehr früh Richtung Andasibe aufzubrechen. Ein neuer Einsatzort wartet, eine neue Aufgabe, eine weitere Permakulturanlage.

Veloma Ambohiborosy – auf wiedersehen Ambohiborosy und bis bald!

Andasibe:

Das Taxi-Spezial, ein Minibus, bringt uns direkt zum Hotel Mikalo. Joseph, ein alter Freund, ist der Eigentümer. Er ist auch der Mann von Monique, für welche wir arbeiten. Häufig hat er Leerkapazitäten,. Ihm bleibt die Kundschaft aus denn sein versoffener Sohn hat viel Kaputt gemacht und das Hotel überschuldet, als Joseph ihm das Hotel übergeben wollte. So nahm er es zurück und versucht es wieder zum laufen zu bringen. Kiki, sein zweiter Sohn, macht das Restaurant, Joseph die Bungalows. Ich kann uns so günstig eine sehr noble Bleibe finden, da Joseph uns einen Freundschaftspreis macht. Das Mikalo ist sehr schön. Die Bungalows haben Palisander-Böden, tradionelle Ziegeldächer, einen Kamin und gute Matratzen. Die meisten im Team, wenn nicht alle, haben noch nie so gelebt. Ich freue mich, ihnen mal eine Idee geben zu können, wie sich Wohlstand anfühlen kann. Es gibt sogar warmes Wasser aus der Dusche.

Erste Planung und Teambesprechung beim Hof Sahamamy. Monique links mit blauem Shirt,

Jeden Abend gehen wir in ein Gasy-Restaurant und essen vorzüglich, morgens und tagsüber wird bei der Baustelle gekocht. Es wird eine deutlich ruhigere Zeit als bei der Schule, wir haben viel mehr Zeit zum studieren und auch, um in den nahe gelegenen Park zu gehen. Wald umgibt uns, Andasibe ist Grün, wir sind nahe bei dem Nationalpark Mantadia.

Wir haben uns entschieden, Menalamba für eine Weile ruhen zu lassen und uns auf den Bauernhof „Sahamamy“ von Monique und der Frauenvereinigung „aina vao – neues Leben.“ zu konzentrieren. Die Kräfte, die wir haben, wollen wir darauf verwenden, einige fertige Anlagen zu erhalten, dass es sichtbarer wird. Der Hof Sahamamy ist der ideale Ort dafür. Monique arbeitet schon lange mit neuen Methoden und ist experimentierfreudig. Sie hat schon viel studiert, ist zu Kursen gegangen, macht seit langem Mulch auf ihre Beete. Wir optimieren also nur, anstatt bei null anzufangen. Wir wissen schon aus Erfahrung, dass sie selbstständig arbeitet und Eigeninitiative zeigt.

Das schönste aber ist, dass Monique die höheren Lagen ihres Landes seit 15 Jahren nicht mehr angefasst hat. Ein junger Wald ist gewachsen, mit einer vielzahl an einheimischen Bäumen. Was mir vor zwei Jahren zum ersten mal aufgefallen ist wurde hier bereits Realität. Wenn wir die Sukzessionsflächen nahe der Urwälder in Ruhe lassen, kommt der natürliche Regenwald von alleine zurück. Selbst die krassesten „invasiven“ Pflanzen werden von den Waldbäumen überwachsen. Hier werden wir also einen realen „proof of concept“ haben, eine Anlage die zeigt, dass wir richtig liegen mit unserer Strategie. Wir müsen mit den Bauern arbeiten und nicht Bäume Pflanzen, die Ursache angehen, anstatt die Symptome zu bekämpfen.

Der Hof, oberhalb der neu gewachsene Wald.

Morgens stehen die Studenten von alleine auf, gehen selbstständig zur Baustelle und organisieren diese selbst. Ich komme als Berater und Lehrer vorbei. Tashin, unser Volontär, ist stetig vor Ort und lernt sehr schnell madegassisch zu reden, die Schaufel zu benutzen und Terrassen anzulegen. Ich nutze die Zeit, mich von der harten Arbeit in Ambohiborosy zu erholen. Drei Wochen Grossbaustelle haben an mir gezehrt.

Koko und ich fahren mit der Bahn runter ans Meer, geniessen dort einen freien Tag und suchen sodann eine Profi-Baumschule, welche rund 150 Kilometer von Andasibe entfernt liegt. Hier finden wir, was wir brauchen. Litschis, Mangos, Zimt, Vanille, Pfeffer, Orangen und Mandarinen, Noni, Nelken und vieles mehr. Unterwegs haben wir noch junge Akazien-Bäume gefunden. Und so haben wir nun rund 500 Bäume im Gepäck.

Zurück auf der Baustelle freue ich mich zuerst, der Garten beim Haus wurde wunderschön. Zone eins und zwei haben sich harmonisch um das Haus gelegt, auf rund 1300m² Fläche wird hier nun eine Familie satt. Dann trifft mich der Schlag. Um den oberen Swale zu befestigen haben Berthain, Michelle und ihr Trupp Pflöcke in die Erde geschlagen um die Erde festzuhalten. Eine sinnlose Technik, da das Holz morsch wird und es dann zu Hangrutschungen kommt. Das schlimmste aber, sie haben dafür fast einen viertel Hektar von dem Naturwald gerodet. Schöne junge Bäume. Mir zerreisst es das Herz. Keiner hat es gesehen, keiner hat was gesagt. Ich werde sehr streng mit Berthain, welcher der verantwortliche war. Ich finde es traurig, wie wenig Bewusstsein die allermeisten Madegassen für die Waldbäume haben. Stumpf abhacken und verbrennen. Das können sie gut. Die Menschen am äusseren Rand der Zivilisation.

Es sind nicht die Naturvölker, die primitiven, sondern diejenigen, welche Landwirtschaft betreiben. Die harte Arbeit und der Dreck stumpfen ab, hinzu kommt oftmals Alkohol.

Ich beruhige mich, zeige dem Team wie Erde ohne fremde Hilfmittel zu einer guten Steigung geschichtet wird und ziehe mich dann erstmal traurig zurück. Zanahary, es tut mir so leid. Zwei Tage abwesend und nicht dabei, und dann so etwas. Ich hatte bereits am Samstag gesehen, dass Berthain einen kleinen Teil des Swales mit Zweigen und Stöcken gesichert hatte. So sind sie es gewöhnt. Ich hatte dummerweise nichts gesagt. Welche Ausmasse das annimmt, hatte ich nicht geahnt. So war es auch mein Fehler… dass aber KEINER reagiert hat, fand ich schon krass.

Beim Abendessen sage ich es nochmals allen, wie traurig es mich macht, wie wichtig der Schutz der letzten einheimischen Bäume ist. Alle tragen Verantwortung, mich eingeschlossen.

Der Wald wird wieder wachsen. Ein leichter Trost, denn dieser Wald ist eigentlich geschützt. Das aber soetwas in unserem Projekt passiert, macht mich nachdenklich. Es ist eine grosse Verantwortung… vor allem aber denke ich an die Wälder, bei denen ich nicht dabei bin. Die Zehntausende Hektar, welche jedes Jahr sinnlos zerstört werden, weil eine ganze Gesellschaft ignoriert. Weil fette Politiker nur an sich denken und die Bauern an der Front zu stumpf sind und keinen anderen Weg kennen. Ich hoffe, unser Modell der neuen Landwirtschaft wird sich verbreiten. Ich hoffe, Sahamamy wird ein produktives, leuchtendes Beispiel, welches nachhaltig und für immer die Brandrodung stoppen kann.

Der Hof, oberhalb der neu gewachsene Wald.

Ich kaufe lokal noch 100 Kaffee Pflanzen 700 Ananas, Fruchtbüsche, Papaya und Avocado. So wird die ganze Anlage gepflanzt, gesät und wird zu einem kleinen Paradies, in welchem mensch in fünf Jahren einfach nur noch pflücken muss. Abgesehen von dem tragischen Missgeschick mit den Waldbäumen wurde die Anlage wunderschön. Einerseits lebt hier nun eine Familie auf einem fertigen Beispielhof und beginnt, ganz ohne Brandrodung auf einem sehr kleinen Stück Land alles anzubauen, was sie zum Leben benötigt. Gemüse, Obst, Getreide. Heilpflanzen, Brenn- und Bauholz. Desweiteren haben wir weitere Terrassen gebaut, auf welchen für den Verkauf angebaut wird. Ein Beispiel nachhaltiger Landwirtschaft, welches reale Ernte bringt, im Einklang mit der Natur.

Das Team ist zusammen gewachsen, wir konnten viel lernen. Tashin hat seine Aufgabe gut gemeistert und wird uns nun verlassen. Er wird mit dem Velo eine Tour angehen, welche es in sich hat. Wir aber putzen unsere Werkzeuge, packen, übergeben die Anlage an die Frauenvereinigung „aina vao“ und legen uns früh schlafen. Um 05:00 kommt der Kleinbus und bringt uns in den Süden. Hier sitze ich nun, das letzte bisschen Akku hilft mir diese Zeilen zu schreiben. Gleich gehe ich raus und helfe dem Team. Heute ist Naina dran. Er hat ein karges Stück Land, welches wir nun wieder Fruchtbar machen.

Herzliche Grüße und bis Bald!

 

Herausforderungen und steter Wandel.

(erster Teil und erster Bericht von diesem Einsatz)

Montag, 28. Mai 2018

Am 22. Mai bin ich mit einem Volunteer aus Deutschland in Antananarivo gelandet. Gleich am nächsten Tag haben wir uns aufgemacht, die Projekte zu besuchen. Die grosse Schule TENAQUIP von unserem Partner madagascarschoolproject.org war inspirierend. Das Gärtnerteam ist motiviert, die bereits erstellte Anlage wächst an, alle Hänge sind gemulcht und viele Fruchtbäume wachsen an.

Die Bewirtschaftung der Terrassen haben sie nach ihren gewohnten Techniken gemacht, und auch nicht gemulcht. Hier werden wir gemeinsam an neuen Techniken arbeiten. Da wir in der Trockenzeit sind, liegen die Terrassen brach. Nächste Woche beginnen wir mit dem nächsten Bau-Abschnitt und der Pflege der vorhandenen Anlage. Wir werden bis zu 150 Menschen sein, welche gemeinsam ein kleines Paradies um die Schule herum zaubern.

Nach unserem Besuch in der Schule sind wir nach Menalamba rausgefahren. Dort war es sehr ernüchternd. Da es eine Zeit braucht, bis die neuen Methoden voll tragen, haben wir die Bauern versucht mit Geld zu unterstützen, um Ernteausfälle zu kompensieren, und auch, um sie zu motivieren. Das hat mässig funktioniert. Dann, etwa ab Januar diesen Jahres, hat Rivo, unser lokaler Projekt-Verantwortlicher, das Geld in seine eigene Tasche gesteckt, aber weiterhin gute Berichte verfasst. „Alles läuft gut“ – so seine stete Nachricht. Den Bauern hat er gesagt, dass wir nicht wieder kommen und das Projekt zu Ende sei. Daraufhin haben die Bauern alle die Arbeit nieder gelegt und sind zu der klassischen Arbeitsweise zurück gekehrt. Die Terrassen sind da, der Teich sieht wunderschön aus. Die Bananen, der Zuckerrohr und die Ananas Wachsen. Dazwischen Wildpflanzen, „Unkraut“.

„Cimetière des projet – Friedhof der Projekte“ nennt man die Gegend auch, es sind schon dutzende gescheitert hier draussen. Ich möchte ehrlich mit euch sein, und euch auch die Misserfolge mitteilen. Auch wenn es „Werbetechnisch“ ungeschickt ist. Es ist nicht einfach, hier etwas zu tun. Scheitern ist ist leider Teil der Arbeit. In dieser Zielregion sind bisher ALLE Projekte gescheitert, ähnliches gilt fürs ganze Land. Selbst das „geschützte Hochmoor“ von mehr als 1000ha Grösse, welches dem internationalen RAMSAR Schutzabkommen unterliegt, wurde bereits zu 80% zerstört. Ich erlebe es live mit.

Helfen zu wollen, wenn man nicht gefragt wurde, ist unmöglich und grenzt an Arroganz. So hatte ich das Wort „manampy – helfen“ auch möglichst vermieden. Eigentlich fühle ich mich mehr wie ein Kind, das viele Bonbons bekommen hat, und es mit seinem Nachbarkind teilen möchte, das nicht so viele bekommen hat. Oder wie ein globaler Bürger, welcher den Madegassen ein Geschäft vorschlägt. Sie hören auf den Urwald abzubrennen, wir geben Ihnen dafür eine neue, einfachere Anbautechnik, und so haben beide was davon. Es hat mich von Anfang an beschäftigt, wie ich auf die Menschen zugehe. Lebe mit ihnen, spreche ihre Sprache, esse das einfache Essen im Busch, dusche mit einem Eimer. Meine Strohmatraze bringt mich durch die Nacht.

Bisher ist es mir aber nicht gelungen, den Menschen die Vision, die Idee zu vermitteln. Es liegt wohl auch daran, dass die Menschen solch eine andere Geisteswelt haben, das wir uns Gegenseitig quasi nicht verstehen (über die einfachen alltäglichen Dinge hinaus). Wissen, Weltanschauung, Begriffsbildung, Philosophie, Moral. Alles komplett anders.

Ich bin Niedergeschlagen und würde am liebsten das Handtuch werfen. Nach Hause fahren. Mich in eine Ecke verkrümmeln und nichts mehr von der Welt sehen wollen. Ich fühle mich schuldig und werfe mir vor, warum ich es nicht anders angegangen bin – vor allem aber, dass ich unserem jungen Rivo soviel Geld und Verantwortung zugemutet habe. Ich hätte es wissen müssen… es tut mir wirklich Leid um ihn. Auch wenn er es natürlich selbst in der Hand hatte, trage ich einen grossen Teil der Verantwortung. Sein Leben hat er fürs erste zerstört.

Ein kleiner Trost, 15 Kilometer entfernt, ist die Anlage von Monique. Dort haben wir letztes Jahr eine Anlage errichtet. Monique ist bereits seit Jahren engagiert und arbeitet mit progressiven Methoden. Sie hat die Arbeit fortgeführt, obwohl seit unserer Abreise keine Hilfszahlungen flossen. Sie hat sogar Arbeiter bezahlt, um weitere Terrassen zu bauen. Einen davon werden wir in den nächsten 8 Wochen ausbilden.

Sahamamy: Oberhalb des Hauses entwickelt sich ein neuer Naturwald, um das Haus die Terrassen. So könnten wir den Urwald effektiv vor der totalen Ausrottung schützen. Technisch haben wir proof of concept. Menschlich, politisch und kulturell liegt noch ein Weg vor uns.

In den Süden sind wir nicht gekommen, die Reise wäre zu lang gewesen. Von dort werden wir euch in ca. einem Monat berichten.

Bis dahin wird für Menalamba folgendes gelten. Unser Verantwortlicher wird sicher von seiner Position entfernt. Welche Konsequenzen es noch geben kann, werden wir ermitteln, auch, ob wir etwas zurück verlangen können (z.B. auf Druck einer Versammlung der Bauern).

Wie es sonst weiter geht, müssen wir noch sondieren. Die Zahlungen sind für den Moment alle eingestellt, da die Bauern ja auch von selbst kein Engagement gezeigt haben. Wir haben den Bauern die Situation erklärt und werden uns nach dem Bau der Schul-Anlage Tenaquip um die Situation kümmern. Eines ist sicher: Rational und Abstrakt können wir die Vision der neuen Landwirtschaft nicht vermitteln. Eine gut ausgebildete Fachperson haben wir (noch) nicht für die Region, welche die Sache verantwortungsvoll tragen könnte. Ich kann dies auch nicht leisten.

Am Wochenende kommen zwei weitere Volunteers, welche in der Schule helfen werden. Gemeinsam werden wir reflektieren, wie die Arbeit weiter gehen kann.

Gerne nehmen wir auch Feedback und Ideen von euch entgegen.

info@permapartner.org oder info@tany.ch

Es tut mir Leid, euch schlechte Nachrichten zu übermitteln, und hoffe auf euer Verständnis für die Situation.

Der Tanz beginnt

Sonntag, 3. Juni 2018

Heute morgen um Sechs klopft es an meine Tür. „Misy mitady – du wirst gesucht!“ Verschlafen steige ich in meine Hose und laufe zur Rezeption unseres Hotels, mittlerweile bin ich wieder zurück in der Hauptstadt Antananarivo. An der Rezeption sitzen sechs Madegassen. Ich erkenne Jean Noel und Hugh, sie sind Bauern aus dem Süden, Betsileo, anständige und fleissige Menschen. Ich vermisse Zima. Er musste zuhause bleiben, weil er auf die Kühe seines Onkels aufpassen muss. Zima ist Knecht von Danielle, und ich würde ihm ehrlich gesagt gerne ein paar Möglichkeiten geben. Er war immer sehr interessiert und möchte gerne studieren. Mal sehen, ob wir ihn später dazu holen können.

Eindruck vom alten Schulhof

Ich verstehe also in meinem verschlafenen Zustand, dass unsere Betsileo-Jungs da sind. Aber warum sind es sechs Leute? Sie sollten zu fünft sein. Ich frage nach den Namen jedes einzelnen, es ist ein alter Opa dabei, und… ein Junge, der gehörlos ist…

So langsam wache ich auf. Sie sind die zwei Studenten, welche uns Priori gesendet hat (madagaskarhaus.ch). Sarah, die Lehrerin aus der Schweiz, hat mir gestern Abend noch beigebracht, wie man „wie geht’s?“ in Gebärdensprache sagt – es funktioniert prima und Arsen schaut mich happy an. Er gestikuliert nun wild umher und glaubt, ich würde ihn verstehen. Ein Stift und Papier hilft uns weiter. So also kann ein Morgen in Madagaskar sein. Alle freuen wir uns, uns zu sehen, ich zeige allen ihre Hotelzimmer.

Die Betsileo Jungs wohnen im Werkzeugzimmer. Die ganze Woche schon haben wir Material und Werkzeuge bestellt, welches gestern Nachmittag in das Hotel geliefert wurde. 20 Schubkarren, 30 Schaufeln, 60 Madegassische Spaten, 120 Holzstiele, Rechen, Gabeln, Sicheln.

Den Studenten gebe ich etwas Taschengeld. Den Sonntag haben wir frei, sie können die Hauptstadt erkunden. Ich nutze die Zeit, um letzte Vorbereitungen zu treffen und mich nochmals ein bisschen auszuruhen. Am Abend gehen wir in ein tolles madegassisches Restaurant, welches wir ganz für uns haben. Die letzten 5 Studenten kommen hinzu, sie bekommen das Stipendium von der Stiftung Scintillae in der Schweiz. Ein kleines Dankeschön auch in diese Richtung.

So ist unser Team komplett. Elf Madegassen und vier Europäer/innen werden nun drei Wochen gemeinsam leben, arbeiten, essen, lachen und schwitzen!

TENAQUIP

Montag, 4.6.2018

Wir kommen gegen 10:00 in unserem gemieteten Kleinbus an der Schule an. Sogleich beginnen wir uns zu organisieren. Die Räume werden zugeteilt, wir richten uns ein und als der Jeep mit dem Werkzeug ankommt beginnen wir, die Werkzeuge vorzubereiten. Die Schubkarren müssen zusammen geschraubt werden, die Schaufeln brauchen ihre Stiele. Wir beginnen mit der Planung der Anlage und schnell entsteht ein Grundkonzept, welches wir morgen beginnen können umzusetzen.

Teambesprechung

Durch den Tag begleitet uns eine Photografin, welche für ein deutsches Magazin Aufnahmen macht. Sie ist anderweitig in Madagaskar und findet so die Zeit, unser Projekt aufzunehmen. Es freut uns, auf Interesse zu stoßen.

Dann gibt es ein reichhaltiges Essen und wir gehen früh Schlafen.

Dienstag, 5.6.2018

Zehn vor sieben stehen wir bereits im Garten und richten die Werkzeuge. Die ersten Eltern kommen. Jeden Tag werden es um die 80 sein. Sie kommen um zu helfen, als kleiner Beitrag dafür, dass ihre Kinder in die Schule gehen können. Im Gesamten bekommen wir so über 1000 Arbeitstage zusammen. Wir arbeiten am Morgen fünf Stunden und am Nachmittag nochmal knapp zwei. Dann nutze ich die Gelegenheit, den Eltern ein bisschen von den Hintergründen unserer Arbeit mitzugeben. Wie das ist mit den Wassersystemen, mit den ökologischen Kreisläufen und mit der guten Erde funktioniert.

Die Menschen haben hier in den letzten Jahrhunderten die Erde und die ökologischen Systeme auf einen lebensbedrohlich niedrigen Stand degradiert. Und so ist es nicht nur ein Herzensprojekt für die Kinder, sondern kann die Lebenssituation der Menschen hier deutlich verbessern. Zusätzlich zu den 80 Eltern kommen 50 potentielle Studenten. Junge Frauen und Männer zwischen 18 und 26 Jahren, aus welchen wir später die besten aussuchen werden. Eigentlich hatte ich nach 25 gefragt, nun kommen 50. Jean-Noel wird sie anleiten, sie bekommen die West-Ecke der Schule und bauen dort die ersten Terrassen und Swales. Swales, das sind Wassersickergräben, in welchen sich das Wasser sammelt und dann einsickern kann, dass von oberhalb des Hanges zu uns fliesst.

Im Hintergrung die abgeholzten, erodierten und trockenen Hänge. Das Nachbardorf mit seinen kargen Feldern drum herum. Im Vordergrund unser erster Swale und ein Trupp beim Bau von Terrassen.

Wir dimensionieren die Gräben so gross als möglich, um so viel Wasser wie möglich davon abzuhalten, direkt in die Flüsse abzufliessen. Wir wollen es festhalten, dass es langsam durch die Erde dringt und dann Quellen bildet. Diese Funktion übernimmt normalerweise der Wald mit seinem weichen Boden. In einer Situation der Degradation ist aber der Boden hart und sind die Gräben eine Möglichkeit – quasie eine Art erste Hilfe fürs Ökosystem – um die Bodenfeuchte und den hydrologischen Haushalt wieder herzustellen. Wasser ist der wichtigste Dünger und muss unbedingt gehalten und in den Boden gebracht werden. Öberflächenabfluss (welcher oft zu Erosion führt) sollte um alle Umstände vermieden werden, weil er sich negativ auf den Wasserhaushalt auswirkt und damit das Land austrocknet. Das gilt nicht nur für Madagaskar, sondern für die ganze Welt. Es gibt Berechnunen, dass der globale Wasserhaushalt noch vor 2025 zusammenbrechen kann. (-> mit dem Resultat eines spürbaren Klimawandels -> www.rainforclimate.org).

Mittwoch 6.6.2018

Hugh, unser stärkster Mann bekommt 50 Leute an seine Seite, welche wir zusätzlich einstellen. Es hat ein bisschen den Charakter einer kleinen Legion, nur, dass wir nicht zum töten aus sind, sondern um Leben zu ermöglichen. So arbeiten wir mit bis zu 180 Menschen gleichzeitig. Die Nordostecke gehört Hugh und seinem Trupp, dann folgen Naima mit 20 Leuten, welche einen grossen Schwimmteich für die Kinder bauen. Berthin übernimmt die Leitung von 15 Leuten, ein etwas kleinerer Teich unterhalb. Zusammen fassen sie über 500m³ Wasser, also eine halbe Million Liter, welches gleich wie in den Swales in die Erde einsickern kann. Die Teiche werden regelmässig trocken fallen, doch wenn die Landschaft einmal geheilt ist bleiben sie als Grundwasserteiche erhalten. Alles in allem werden wir bei jedem Regenfall mehr als eine Million Liter Wasser festhalten, Jährlich summiert sich das auf mehr als 40 Millionen Liter Wasser.

Lidia kommt aus dem Norden von Madagaskar, vier Studenten kommen aus der Gegend. Sie ist die einzige Frau im Kernteam, abgesehen von Sarah, und ich möchte sie von den harten Arbeiten fernhalten. Sie beginnt mit den Müttern den vorhandenen alten Garten der Schule auf die neuen Techniken anzupassen. Wir belassen es bei einem relativ kleinen Eingriff. Wir verdoppeln die kleinen Terrasse, in dem wir jeweils aus zwei Terrasen eine machen. Jede Terrasse erhält vertiefte Wege, welche sich mit Wasser füllen können. Regnet es, füllen sich die Wege. Ist eine Terrasse voll, überläuft sie in die nächste, Stufe für Stufe. So saugt sich der Garten bei Starkregen voll und das Wasser ist nicht verloren. Momentan ist Trockenzeit, die Erde staubig. Und es ist natürlich sehr abstrakt von Wasser zu sprechen. Wenn es dann regnet, wird es offensichtlich.

Lidia macht ihren Job sehr gut, die Mütter sind motiviert dabei und ich nutze die Gelegenheit, Ihnen den Zusammenhang von Biomasse, Regenwürmern und guter Erde zu erklären. Ich erkläre Ihnen, wie sie in Zukunft die harte Feldarbeit vermeiden können und ohne Bodenbearbeitung ihre Ernten einfahren können. Es macht grossen Spass, Menschen Wissen weiter zu geben, welches das Potential hat, ihr Leben positiv zu verändern.

Die Arbeiten gehen gut voran und am Abend unseres zweiten Arbeitstages sieht man schon ein gutes Ergebnis. Ich sehe auch, dass ich so langsam mit dem Schulhof beginnen muss. Ich arbeite mich von den Aussenbereichen langsam an das eigentliche Design heran. Die grösste Aufgabe steht noch bevor…

Donnerstag, 7.6.2018

Der Schulhof ist relativ gross, ein erodiertes Stück Land. Ein bisschen Öde ist es, trostlos fast. Kaum Schatten, keine Geborgenheit. Schön ist es nicht. Die Häuser sind relativ schöne, grosse Backsteinhäuser. Sie haben Gitter vor den Fenstern wie ein Gefängniss, aber das muss leider sein, dass niemand einbricht. Sonst sind es nette Häuser mit hübschen Balkonen. Der Schulhof wurde nie so recht gestaltet. Es gibt hier und da schöne Ecken, im gesamten aber wünsche ich mir seit meinem ersten Besuch hier vor drei Jahren, dass der Schulhof schön wird. Nun ist die Zeit gekommen. Mein Wunsch erfüllt sich nun, diesen fast 700 Kindern eine Schöne Umgebung bauen zu dürfen.

Teichbau

Seit drei Jahren bewegt mich der Platz. Ich überlege mir, wie eine Gestaltung auf die Kinder wirken kann. Was die Bedürfnisse der Kinder sind und wie wir diese am besten erfüllen können. Die kleinen suchen Schutz und Geborgenheit, die etwas grösseren das Abenteuer im näheren Umfeld. Die älteren wollen für sich sein, unter anderem um sich selbst zu entdecken und ihre eigene Identität zu entwickeln. Natürlich auch, um mal heimlich etwas verbotenes zu tun und Grenzen zu überspringen. Man kann diese Verhaltensweisen auf dem vorhanden Schulhof entdecken, und für diese Bedürfnisse möchte ich gerne Räume schaffen. Räume wirken. Jede kann dies bei sich selbst feststellen, wenn sie sich in einem Park befindet, in einem Einkaufszentrum, auf einem Markt oder auf einer lärmenden Strasse. Die Umgebung beeinflusst die eigene Stimmung, das Wohlbefinden, ja sogar den Geist und die Gedanken. Dieser Effekt kann genutzt werden, um Menschen zu beeinflussen. Im negativen wie im positiven.

Die Umgebung der Kinder ist im gesamten sehr herausfordernd. Sie wachsen in Armut auf und oft genug erleben sie eine angespannte Situation im Elternhaus. Nicht wenige sind Waisenkinder und es fehlt an dem Allernötigsten. Ich denke viele der Kinder haben einen schweren Kopf in der Schule und ihre Gedanken mögen oftmals bei der schweren Feldarbeit sein, bei dem Streit der Eltern am Abend vorher oder bei sonstigen Alltagsproblemen. Zum lernen aber sollten junge Menschen sich wohl fühlen und den Kopf frei haben. Das wird u.a. von Marslov und anderen schon lange klar dargelegt. Und so ist eines der Designziele, den Kindern eine schöne Umgebung zu schaffen. Einen Ort, in welchen Sie eintreten und die harte Umgebung und den Alltagskampf hinter sich lassen. Im Allgemeinen sind die Madegassen ein sehr gemütliches, sehr freundliches und friedliches Volk. Tolle Menschen. Und doch sollte all das nicht über die Situation hinweg täuschen, in welcher wir uns hier befinden. Und sei es nur, dass quasi jeglicher Zahnschmerz ausgehalten werden muss, bis er jeweils zu-Ende ist (inkl. dem Zahn).

Die jungen Menschen sollen also einen Ort betreten, welcher anders ist. Eine andere Welt, in welcher Sie neues entdecken können, Ihrer Neugierde folgen können und ihren Geist entfalten. Einen Ort der grün ist, üppig, kühl und angenehm. Ein Ort, an welchem tausende Fruchtbäume stehen und es mehr als nur genug zu Essen gibt. Einen Ort, an dem Heilpflanzen wachsen, und so der Garten eine Apotheke ist. Es soll eine grüne Oase sein, ein kleines Paradies, in welchem die Jungen Menschen sich ein neues Madagaskar erträumen können. Eine Vision, eine Perspektive, wie es auch aussehen kann. Dass harte Feldarbeit und magere Ernten nur eine Option sind.

Koko und Arsen, der Taubstumme, mit Schülern.

Es soll auch ein handfester Produktionsbetrieb sein. Um die Schule herum wird der bisherige Garten zu einem grossen, professionellen Produktionsbetrieb, welcher Essen für die Kantine und für den Verkauf produziert. Einerseits um das Budget zu entlasten und andererseits die Schule mit-zu finanzieren. Wenn wir dieses Ziel erreichen, und das liegt durchaus im Bereich des möglichen, dann gibt es noch eine weitere, sehr schöne Perspektive. Ein Teil der Schulabgänger kann dann hier eine Ausbildung machen und selbst lernen, wie in der hiesigen Umwelt erfolgreich Fülle und Wohlstand kreiert werden kann. Schon zur Schulzeit können die Kinder die Gärten bewirtschaften und so genug lernen, sich Zuhause selbst zu versorgen. In der Ausbildung können sie Ihr Wissen vertiefen und vor allem auch das Anlegen der Wassersysteme, Terrassen etc. lernen. Für viele Schulen in Madagaskar, und auch hier, ist das Follow Up eine grosse Frage, also die beruflicher Perspektive. Die grosse Stadt verlockt natürlich sehr, während hier draussen nicht viele Möglichkeiten vorhanden sind. So sind die grossen Städte bereits heute überflutet, chaotisch und die Infrastrukturen weit über ihre Grenzen überlastet. Eine anständige Arbeit findet sich eher selten, und so halten sie die Menschen mit schlechten Jobs und auch mit betteln über Wasser. Der Weg zurück aufs Land ist aber auch oftmals verbaut, da sie nicht mehr die Fähigkeiten besitzen, das Land verkauft wurde oder an jemanden anderen in der Familie ging.

Schaffen wir es, hier eine produktive Landschaft zu erstellen, mitten in der Erodierten, degradierten Landschaft, kann neues Leben erblühen, die Menschen können Mut schöpfen und evtl. reicht es dann auch irgendwann für den Zahnarzt und ein paar neue Turnschuhe. (Ein Beispiel hierfür befindet sich in China -> Lessons from the Löesplateau)

Mit relativ kleinen Gruppen beginne ich Details und Ecken zu gestalten. Da es nicht ganz so einfache Formen sind, und viele Stellen, versuche ich es so aufzuteilen, dass wenige eine Weile dranbleiben. Ich versuche sie in den Gestaltungsprozess mit einzubeziehen. Es gelingt ganz gut, und so wird es auch ein bisschen zu ihrem eigenen Projekt.  Sie handeln aus eigener Motivation, was sich sichtbar auf das Arbeitsergebnis auswirkt. Stufen und Treppen, in schwungvollen organischen Formen, sind das hauptsächliche Design-Element. Auf Stufen und Treppen sitzen Menschen gerne, es entstehen soziale Treffpunkte, Grenzen und darin Räume. Der Eingangbereich soll Einladen, Weite bieten und Erhabenheit. Kleine Plätze welche Schutz und Geborgenheit bieten wechseln sich ab mit grossen freien Räumen, in welchen sich die Menschen sehen und gesehen werden. Platz für Spiele, für Basketball und Fussball entstehen. Die Kleinen sind in der Nähe der Küche angesiedelt, wo stets das Küchenteam und der Wächter anwesend sind. Das gibt Schutz und Geborgenheit. Diesen Raum zu halten wird nicht ganz einfach, weil gleichzeitig eine Menge Logistik hier stattfindet und die Kinder für die Kantine anstehen. Die Jüngsten sind nicht älter als vier Jahre alt und gehen geradezu unter in diesem Gewimmel.

Es sind rund drei Hektar Land, und so haben wir noch jede Menge vor uns. Langsam, während der Bauarbeiten, entfaltet sich in einem kreativen Prozess der neue Schulhof, die grüne Oase Tenaquip.

Freitag, 08.06.2018

Heute fahre ich raus in die Stadt, um einzukaufen, Geld zu holen und gescheites Internet zu haben, mit welchem ich diesen Bericht hier schreiben kann. Am Morgen bespreche ich nochmals alle Arbeiten, wähle zusammen mit Jean Noel die 15 besten der jungen Studenten aus und kümmere mich um die Bezahlung der Arbeiter. Heute Nacht saß ich noch bis spät, habe Material gerichtet, die Abrechnungen gemacht und das Budget geprüft. Ich konnte kaum schlafen, so habe ich auch recht wenig Energie. Ich schaffe es trotzdem die Baustelle zu managen und alles ordentlich ins Wochenende gehen zu lassen. Drei Trupps werden auch am Samstag arbeiten. Dann fahren wir los und kommen noch gerade so pünktlich zur Bank, um Geld abzuheben.

Küchenteam

Das eindrücklichste Erlebnis heute hatte ich mit Jean-Noel. Die Teambildung und das menschliche übertrifft bisher schon alles, was ich bisher in Madagaskar erlebt habe. Das Team der Schule, die Studenten, unsere Betsileo Arbeiter. Es herrscht gegenseitiges Vertrauen, Respekt und Anerkennung. Nach der harten Erfahrung in Menalamba steigt meine Motivation wieder langsam, und meine Lust, etwas in diesem Land zu tun.

Nun, Jean-Noel hat ja wie Rivo seit 15 Monaten die Subventions-Gelder für die Bauern seiner Region erhalten. Es waren nicht ganz so grosse Summen, wie Rivo zu verwalten hatte (weil weniger Bauern), aber ähnliche Beträge. Letzte Woche hatte ich ihm das Geld gesendet, um die Bus-Tickets fürs ganze Team zu bezahlen. Dann fragte er mich noch um einen Vorschuss für Hugh seine Frau. So hatte ich ihm in vollem Vertrauen den doppelten Lohn zugesandt, welchen er für die drei Wochen zu erwarten hatte. 300 000AR. Natürlich hatte ich gemischte Gefühle, aber mir blieb nicht viel anderes übrig, als ihm zu vertrauen. Er hätte easy das Geld nehmen können, ohne dann zur Arbeit zu kommen. Er ist aber gekommen, und mit ihm drei super Jungs. Jean-Noel hat mir ein Heft gegeben, in welchem die ganze Jahres-Abrechnung nachvollziebar wurde. Und auf einer Seite hatte er notiert, dass er 628 000AR für sich selbst genutzt hatte, ausserhalb seinem Lohn. Dies hat er mir gleich sagen wollen, ich hatte es aber nicht recht verstanden und hatte zuvor keine Zeit. Heute aber, als ich das Heft wieder hervorgeholt habe, hatte er es mir erklärt. Ich habe ihm den Kredit gewährt und ihm zugesagt, dass er zuerst sein Haus fertig bauen kann, bevor er das Geld zurück zahlt.

Auch wenn wir aus zwei anderen Welten kommen und Armut und Reichtum uns trennen – wir arbeiten Kollegial zusammen.

Es hat mich recht umgehauen. Er nicht nur nicht die 300 000AR einfach so eingesteckt, nein, er ist gekommen um ehrlich sein Geld zu verdienen, und hat mir gesagt, dass er mir noch 628 000AR schuldet. Ich werde ihm natürlich noch erklären, dass er das nächste mal vorher fragen muss, aber ich sehe er ist ein korrekter Mann, auf den wir uns verlassen können.

Unter den Studenten befinden sich auch einige sehr gute Leute. Berthin, Lidia und Lead beeindrucken mich immer wieder. Wir treffen uns als Menschen, über alle Hürden und Unterschiede hinweg. Lange hatte ich nach Menschen gesucht, die wirklich Interesse haben und den benötigten Charakter, um etwas in ihrem Leben zu machen. Menschen, mit denen wir gemeinsam etwas in diesem Land bewegen können. Nicht als Hilfe, sondern als Kooperation.

Berthain, Michelle und Dada-Be!

Ich schöpfe neuen Mut. Nach den herben Rückschlägen sehe ich neue Möglichkeiten, und das Vertrauen von Jean-Noel tut gut.

Danke Zanahary, Misaotra betsaka ny olon velona!

Soviel heute vom Permapartner-Team!

Ich wünsche euch eine schöne Zeit, danke für das Interesse!

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